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Eine autobiografische Satire
„Du studierst was?“
Politikwissenschaft.
„Und was macht man da?“
Zeitung lesen. Mindestens drei Stück am Tag. Am besten Tagesspiegel, FAZ und Neues Deutschland. Dann in die Kneipe gehen und diskutieren, was in der Zeitung steht. Ach ja, und Hausarbeiten schreiben.
„Aha. Über was denn?“
Zum Beispiel über die gesellschaftlichen Folgen des Klimawandels. Oder über Lobbyismus in Brüssel. Den Wandel des Sicherheitsbegriffs nach dem 11. September. Die diplomatischen Beziehungen zwischen China und den USA nach dem Kalten Krieg. Die Unterschiede zischen dem Ost- und dem westeuropäischen Demokratieverständnis. Oder die Philosophie von John Locke und Jean-Jacques Rosseau …
„Klingt interessant.“
Klar ist es interessant. Sonst hätte ich es nicht studiert.
„Und was macht man damit?“
Wie? Was?
„Was macht man damit, wenn man fertig ist?“
Schweigen. Ich hasse diese Frage. Sie erinnert mich schmerzlich daran, dass es auch noch ein Leben nach der Uni geben muss. Eine Tatsache, die ich zu gern verdränge.
Eigentlich wollte ich Journalistin werden. Aber als ich mitbekam, dass man bei einer durchschnittlichen Tageszeitung seine Artikel an einem halben Vormittag zusammenschustert, hab ich mich von dem Gedanken verabschiedet. Ich bin Perfektionistin.
Trotzdem weigere ich mich, der dreisten Annahme Raum zu geben, dass ich ein brotloses Fach studiert hätte. Ich könnte mich ja auch bei einer dieser trendigen PR-Agenturen bewerben, die gerade unsere Wände mit großen „D“s wie „Demokratie“ oder „Z“s wie „Zukunft“ ver(un)zieren. Oder ich werde Politikberaterin. Wobei mir letztens ein ernüchternder Artikel in die Hände gefallen ist: „Politikberatungsagenturen in Berlin stellen keine festen Mitarbeiter mehr ein.“
Also, jetzt mache ich mir wirklich Sorgen um meine Zukunft mit „Z“. oder die Demokratie mit „D“. Allmählich, aber mit gnadenloser Hartnäckigkeit sickert die Erkenntnis in meine grauen Zellen: man kann als Politikwissenschaftler nur was werden, wenn man in eine Partei eintritt.
Nur was macht man, wenn man keine Partei findet, mit der man sich identifizieren kann?
Ich hab’s mal mit der so genannten Linkspartei versucht. Damals noch PDS. Gewissermaßen eine Familientradition. Meine Oma und mein Opa waren auch schon drin. Damals hieß es natürlich noch SED. Meine Mutter ist irgendwann ausgetreten. Ich glaube, da hieß es schon SED-PDS.
Trotzdem hatte sie nichts dagegen, dass ich da unbedingt rein wollte. Im Gegenteil: Jugendliche brauchen schließlich ein Ziel, sonst kiffen sie womöglich. Und die Genossen freuten sich wie kleine Kinder unterm Weihnachtsbaum – schließlich senkte ich den Altersdurchschnitt ihrer Partei auf 55,8.
Der Chef unserer Jugendgruppe war ein Profilneurotiker mit grünen Haaren und schwarzem Kajal, Berufswunsch: Bundestagsabgeordneter. Der wollte nächtens ein Fuhre Mist in einen Zeitungskiosk kippen, der angeblich Nazigazetten verkaufte. Als die strategische Planung dieses waghalsigen Manövers begann, begriff ich, dass er seinen Vorschlag tatsächlich ernst gemeint hatte. Nichts ahnend sammelten die älteren Genossen währenddessen Unterschriften für die Freilassung von Stasichef Mielke.
Ich entschied, dass ich zu alt für diesen ganzen Quatsch bin.
Ich war damals zwanzig. Und um ein Stückchen Sinn des Lebens ärmer, weil ich nun keine politische Heimat mehr hatte.
Nach dem 8. Semester wollte ich nicht mal mehr wählen gehen. Ich hatte 1998 zum letzten Mal der rationalen Wechselwähler verkörpert: SPD wählen, damit der Kohl verschwindet. Na ja, hinterher ist man immer schlauer.
Meine Diplomarbeit schrieb ich über „Rechtsextremismus im Wandel? Eine Analyse der Wählerpotentials der NPD in den sechziger, der Republikaner in den achtziger und der DVU in den späten neunziger Jahren“. Note 1,3 – da sind viele Liter Rotkäppchen-Sekt geflossen.
Ich steckte voller unbändigem Tatendrang und hoffte, jetzt endlich ein schönes Praktikum zu finden – vielleicht sogar ein bezahltes.
Drei Jahre und zahlreiche Absagen später – aus der idealistischen, durchaus ehrgeizigen Studentin war mittlerweile eine desillusionierte, faule Doktorandin geworden – überlegte ich ernsthaft, den ganzen Kram hinzuschmeißen. Wer braucht schon Politikwissenschaftler? Ich wollte viel lieber etwas Sinnvolles machen, Webdesign zum Beispiel. Obwohl ich von allen Seiten zu hören bekam, dass die IT-Branche so gut wie tot sei und wie ein gestrandeter Fisch nach Luft japsend am Boden läge.
Mein größtes Talent ist wohl, für Sachen Talent zu haben, die gerade nicht gebraucht werden.
Also begann ich, dass Volk mit wissenschaftlich fundierten Argumenten gegen Hartz IV aufzuwiegeln. Hat auch für eine Weile ganz gut funktioniert und ich war meine Depressionen los. Zumindest gab es mir das warme, wohlige Gefühl, nicht umsonst studiert zu haben. Und ich haderte nicht länger mit meinem Schicksal, weil ich in keine Partei eingetreten war.
Im Grunde spottet es doch jedem wissenschaftlichen Anspruch, wenn Politikwissenschaftler in die Politik gehen. Von einem Zoologen erwartet man schließlich auch nicht, dass er in ein Gehege des nächst gelegenen Tierparks einzieht, dort die Blätter von den Bäumen frisst, sich auf ein Bein stellt und graziös den Hals verbiegt oder sich gar auf die Brust trommelt, wenn er eben ein Weibchen bestiegen hat.
Nein, ein ernst zu nehmender Forscher studiert die Objekte seines wissenschaftlichen Interesses aus sicherer Entfernung. So wie sich kein Zoologe in einen Gorilla verwandelt, wird auch aus mir kein Af… ich meine, Politiker.
Mittlerweile arbeite ich – nach einigen Irrungen und Wirrungen – an meiner alten Uni. Ob die Menschheit Politikwissenschaften braucht, kann ich immer noch nicht beurteilen. Aber wenigstens kann ich davon leben.
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