Anneliese Wipperling: "Flügel aus Glas"

Flügel aus Glas

Als Andal aus dem Hause Boras sich nach dem Dominionkrieg daran machte, die Philosophie Suraks von ideologischem Müll zu befreien und sie endlich weiterzuentwickeln, stürzte sich ein großer Teil der einfachen Vulkanier voller Begeisterung auf die neue, lebensfreundlichere Lehre. Viele bekannten, bisher ihre Konformität nur vorgetäuscht zu haben - sich heimlich mit Kulturen anderer Welten beschäftigt, wilde Entrückungen genossen und in ständiger Angst vor Verbannung gelebt zu haben.
Leider hat sich unter den bisherigen Philosophiebürokraten bis jetzt niemand als heimlicher Dichter geoutet. Vermutlich sind die Katras von Künstlern zu empfindlich, um die harten Bedingungen einer geistigen Gleichschaltung lange ertragen zu können. Ich kann nur vermuten, was mit den potenziellen Poeten geschehen ist. Wahrscheinlich sind sie ausgewandert, in Häusern für unvollkommene Geister gelandet, freiwillig zum Abgrund ohne Wiederkehr gegangen ... oder einfach verdorrt.
Die einzige Lyrikerin, die einem weißen Clan entstammt - sogar dem verbrecherischen Haus Sadam - ist T'Liza, die vom Haus Boras aufgenommen wurde, als ihre Mutter Professor Andal heiratete. Ich bin hingerissen von der Kraft und Originalität ihrer Gedichte. Sie ist Warun, dem wahrscheinlich bedeutendsten Dichter der Turuska, ebenbürtig.
Der Band enthält einige Werke von sieben wichtigen Autoren meines Volkes. Es erübrigt sich, sie näher vorzustellen. Das haben Freunde, Verwandte und Bindungspartner auf so ehrliche und liebevolle Weise getan, dass ich dem nichts Wichtiges hinzufügen könnte.


Auszug aus der Story "Fiora":

Es war später Nachmittag. Fiora sah andächtig zu, wie der Himmel sich langsam grünlich färbte. Zum ersten Mal in seinem Leben würde er einen Sonnenuntergang in der offenen Wüste erleben: keine enge, stickige Baracke voller Ausdünstungen geschundener Körper, kein Geruch nach verdorbenen Essenresten und Fäkalien, keine formlose Dunkelheit ... keine ... doch ... da waren Fesseln aus Draht eng um seine Hände und Füße gewickelt ... Fesseln, die schmerzten, die man nicht zerreißen konnte ... die sicher verhindern würden, dass er einen Brunnen erreichen konnte ... oder fliehen, wenn die Lematyas ...
Trotzdem war diese Klarheit und Schönheit einfach überwältigend: Ein wildes, leidenschaftliches Farbenspiel aus Grün und Purpur ... und dann diese Weite ... die sanften, harmonischen Wellen aus Sand, faszinierend geschwungenen Linien, kühlen, violetten Schatten ... und der Wind sang die ganze Zeit leise. Es klang wie die flüsternde Stimme T'Rulars, seiner anmutigen, traurigen Wahlmutter.
Fiora dachte nicht an das, was unweigerlich kommen würde: die beißende Kälte der Nacht auf seiner nackten Haut, die scharfen Zähne der hungrigen Räuber der Wüste und - falls er das alles wider Erwarten überlebte - die gefräßige Mittagssonne des nächsten Tages.
"Ich werde hoffentlich noch da sein, wenn die Sterne zum Greifen nah funkeln, T'Khuth über den Horizont rollt und die rote Lava aus ihren Vulkanen quillt. Ich will endlich mit eigenen Augen erblicken, wovon die alten Männer und Frauen manchmal leise mit sehnsüchtigen Augen singen. Dann mag der Tod mich auf die eine oder andere Weise holen. Dieses erbärmliche Leben ist es nicht wert ... nein, nachdem ich dieses unglaubliche Gefühl der Freiheit genossen habe, fällt es mir nicht schwer, ohne zu klagen ...
"Ich kann das Weltall nicht mehr wahrnehmen ..." flüsterte plötzlich eine müde, gequälte Stimme. "Ich kann den Sand nicht mehr verdauen ... ich fühle mich schwach und elend ... ich schaffe es nicht mehr nach Hause ..."
"Wo bist du?" fragte Fiora neugierig. "Ich kann niemanden sehen ..."
"Ich bin direkt unter dir."
"Du meinst, ich liege auf dir und erdrücke dich?" fragte Fiora erschrocken und wälzte sich mühsam zur Seite.
Etwas wie ein lautloses, unsichtbares Lächeln war die Antwort. "Zwischen dir und mir liegen sieben Meter Sand", flüsterte es im Geist des jungen Mannes. "Und ich bin größer als du ... viel größer!"
"Was bist du?"
"Unsere Freunde, die Turuska, nennen uns die A'Kweth, die Verborgenen, die in der Tiefe leben. Sie haben uns vor den Barbaren gewarnt, aber ich war nicht schnell genug - eine Fusionsbombe ..."
"Er ist verletzt ..." dachte Fiora besorgt, "und ich kann ihm nicht helfen. Womöglich bin auch ich in Gefahr, wenn die Bombe ... T'Kruna ist, eine Bestie!"
"Nein", beruhigte ihn das fremde Wesen. "Ich zog so schnell ich konnte weiter. Wir sind viele Meilen vom Ort der Explosion entfernt. Aber die Strahlenverseuchung ... sie tötet mich langsam."
"Hast du einen Namen, damit ich für dich singen kann?"
"Ahrasss ... ich heiße Ahrasss ..."
"Ahrasss in der Tiefe ..." murmelte Fiora sanft, "mein letzter Freund ..."

Warun aus dem Hause Boras
(Übersetzung aus dem Vulkanischen von Anneliese Wipperling)

Farbcover:

Adriana Wipperling

Seitenzahl:

190 Seiten DIN A4

Preis:

11,80 EURO

Altersbeschränkung:

ab 18 Jahre (Ausweiskopie beifügen!)

Bezug:

Star Trek Forum

Kontakt:

Uschi Stockmann
Otto-Heinrichs-Straße 6
38442 Wolfsburg

uschi@st-forum.de

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