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Auszug aus "Was von den Göttern übrigblieb " von Adriana Wipperling Sie purzelte abrupt in einen diesigen, trüben Tag und kullerte einen minder steilen Abhang hinunter. Mit einem leisen Stöhnen richtete sie sich auf, säuberte ihre Uniform vom gröbsten Dreck und versuchte notdürftig, ihre Frisur in Ordnung zu bringen. Ihr ganzer Körper schmerzte von dem harten Aufprall. Paris und Kim folgten einen kurzen Moment später. Ihre Schreie ließen vermuten, daß auch sie sich dabei blaue Flecken zuzogen. "Donnerwetter!" keuchte der Lieutenant. "Captain, sehen Sie!" rief Harry beunruhigt und zeigte gen Himmel. Kathryn blickte auf. Etwas dunkles, massives bewegte sich am Firmament, etwas... viereckiges. Es kam immer näher, wurde zunehmend größer... Kathryn schluckte. Bitte nicht schon wieder... Dies war der denkbar schlechteste Augenblick für Borg-Halluzinationen. Dann warf sie einen Seitenblick auf Tom und Harry. Die beiden Männern konnten ihren Blick ebenfalls nicht vom Himmel lösen. Das Flugobjekt schob sich vor die Sonne und es wurde augenblicklich dunkler. Ein kühler Wind kam auf, doch das war nicht das einzige, was Janeway frösteln ließ... "Was zum Teufel..." Sie wurde mitten im Satz unterbrochen, als der Kubus einen gelben Blitz ausspuckte. "Hab ich s doch gewußt!" brummte Paris - bevor er sich flach auf den Boden warf. Harry rannte und suchte Schutz hinter einem nahegelegenen Felsen. Der Blitz sprengte einen tiefen Krater in den Boden. So nah... so erschreckend nah... Eine dicke schwarze Rauchsäule stieg empor... ein dunkler, verwachsener Baum, dessen Krone das Licht fraß... Gesteinsbrocken und Sand spritzten auf... Janeway kniff die Augen zu und spürte einen scharfen Schmerz, als etwas ihre Wange ritzte. Stimmen und Schreie flossen ineinander... hektische, unverständliche Worte... während Kathryn sich mit ihrem zitternden Körper gegen den harten, staubigen Untergrund preßte. Es gibt hier Lebensformen, erkannte sie. Lebensformen, die gerade verzweifelt um ihre Existenz kämpften, litten und starben. Lebensformen, die Captain Janeway und ihre Crew nicht bemerkt hatten, weil sie zu heftig mit ihrer eigenen Situation beschäftigt waren... mit ihrer Sorge um Seven und dem überwältigenden Eindruck ihrer Reise durch dieses... Gateway? Wurmloch? Janeway hatte schon etliche Gefechtssituationen erlebt, aber sie war noch nie aus heiterem Himmel in eine gestolpert. Im wahrsten Sinne des Wortes aus heiterem Himmel... Seven... hoffentlich war sie nicht... Janeway verdrängte den Gedanken, daß Seven etwas zugestoßen sein könnte. Zunächst mußte sie sich um ihre beiden anderen Crewmitglieder kümmern. Sie robbte zu Paris herüber. "Sind Sie okay?" "Ja, mir geht's gut." Er hob sein dreckverschmiertes Gesicht und blinzelte. "Captain, Sie sind verletzt", bemerkte er. Sie berührte ihre Wange und warmes Blut rann über ihre Fingerspitzen. "Halb so wild." "Bei allem Respekt, aber das ist ein ziemlich tiefer Schnitt. Das muß behandelt werden!" "Wir haben andere Probleme, Mister Paris." Nun wagte auch Harry, über den Rand seiner Deckung zu lugen... um im nächsten Augenblick den Kopf einzuziehen. Wieder bohrte sich ein Phaserstrahl in den Boden, wieder ertönten von allen Seiten Schreie. Janeway erkannte einzelne Schemen von Menschen, die um ihr Leben rannten. Der nächste tödliche Energieball raste auf sie zu... "Los, in Deckung!" brüllte sie.
Auszug aus: "Ich weiß wo ich begraben bin" von Anneliese Wipperling
Die Felsen waren tiefschwarz, glasig und sehr glatt. Tuvok, der noch niemals in der Nähe der Zelte des Hauses Raban gewesen war, musste sich auf jeden Schritt und jeden Griff konzentrieren. Er spannte die Muskeln an, schob sich einen schmalen Sims entlang, sein Fuß suchte Halt in winzigen Mulden, die Finger krallten sich an kaum sichtbaren Vorsprüngen fest. Ganz langsam bewegte er sich die steile Wand hinauf ... wie ein seltsames Insekt, das immer weiter kriecht, obwohl es gar nicht weiß, wohin es eigentlich will.
Einmal wagte Tuvok einen Blick nach unten. Es ging mindesten vierzig Meter steil nach unten und überall lagen Felsbrocken herum ... einen Absturz hätte er auf keinen Fall überlebt. "Wenn ich jetzt loslasse, ist alles vorbei", dachte er flüchtig. "Es wäre ein Unfall ... eine saubere Lösung. T'Pel müsste sich keine Vorwürfe machen ..." Der Gedanke an seinen blutigen, zerschmetterten Körper bewirkte, dass er sich noch fester an das glatte Gestein klammerte, entschlossen weiter aufwärts kletterte. Das war auf jeden Fall leichter, als der Weg zurück.
Es war unvernünftig gewesen, sich ohne Kletterausrüstung in die Berge des Hauses Raban zu wagen, aber Tuvok fühlte sich seltsam wohl dabei. Die akute Gefahr überflutete seinen Körper mit Stresshormonen, erzeugte euphorische Gefühle ... und lenkte ihn erfolgreich von seinem Elend ab. Als er den Gipfel, ein schwach konvex gewölbtes Plateau von etwa drei Metern Durchmesser erreichte, bot sich ein weiter Rundblick: Felsen, die wie schwarzer Lack glänzten, sanfte Dünen aus dunklem, feinem Sand, ein orangefarbener Abendhimmel ... erste Sterne. Von Tuvoks Position aus waren keinerlei Spuren einer Zivilisation zu erkennen. Die wenigen sandfarbenen Zelte vor dem großen eisernen Tor zu den Höhlen wurden von einer niedrigeren Bergkuppe verdeckt und die Zelte der anderen Clans lagen hinter dem Horizont verborgen. Die Turuska waren viel zu vorsichtig, um überflüssige Spuren zu hinterlassen.
"Ihre wilden Reflexe funktionieren immer noch", überlegte Tuvok verwundert. "Sie möchten nicht entdeckt werden und vor allem diese herrlichen untervulkanischen Seen und Quellen vor neugierigen Blicken verbergen, diesen unglaublichen Reichtum, der nicht einmal in den Datenbanken Vulkans aufgezeichnet ist."
Tuvok setzte sich hin und umschlang die Knie mit den Armen. Es war so friedlich hier oben! "Am liebsten würde ich bis ans Ende meiner Tage sitzen bleiben ..." Die Erinnerung an die vor kurzem erlittene Schmach ließ ihn zusammenzucken, als wenn ihn ein spitzer Pfeil verwundet hätte. "Ich habe mich wie ein Kleinkind aufgeführt ..." überlegte er frustriert. "Ich kann es diesen Leuten nicht übel nehmen, dass sie sich um T'Pel und Eyzel gekümmert haben. Eyro hat wahrscheinlich recht, wenn einer dieser Amokläufer ... er hätte sie womöglich beide missbraucht und danach weggeworfen wie Abfall ... wie Schlacke der Entropie. Ich hätte es noch weniger ertragen können, wenn irgendwelche Psychopathen ... wer hätte gedacht, dass unter der Oberfläche immer noch ... und dass es sich in einer so abscheulichen Eruption Bahn brechen würde. Unsere Zivilisation war zerbrechlich wie Glas. "Wir waren so stolz auf unsere Logik, unsere Emotionslosigkeit unseren Entwicklungsstand ... wir hielten uns für die Spitze der Evolution im Alphaquadranten ... dabei war all der Schmutz nur in einer dünnen, gläsernen Hülle eingeschlossen und als die zerbrach, hatten wir keinerlei Widerstandskraft mehr, haben uns unlogischer und unmoralischer als Menschen verhalten. Was sage ich, sogar die Cardassianer haben mehr Anstand und Würde bewiesen, als die Jem'Hadar sie angriffen."
Tuvok verstummte und betrachtete nachdenklich das Farbenspiel am Horizont. Zwei Luftgleiter badeten ihre glitzernden Flügel im Abendlicht. "Du bist so frei wie ein Luftgleiter, hat T'Pel gesagt ... frei ... aber ich kann nicht fliegen." Der Mann auf der Bergkuppe seufzte leise. Er wusste, dass es nicht mehr darauf ankam und dass ihn sowieso niemand hörte.
"Ich habe meine Gemahlin enttäuscht, ich bin in ihren Augen kein richtiger Mann, nur ein armseliger Krüppel. Ihre größte Angst war, wieder mit mir unter einem Dach oder unter einer Zeltplane leben zu müssen. Dabei dachte ich, ich könnte um sie kämpfen, ihr irgendwie imponieren. Sie hat mich wie ein unartiges Kleinkind angesehen, mir das Messer einfach weggenommen ... aber es hätte auch nichts gebracht, Eyro zu töten ... er ist nett ... wahrscheinlich ein guter Arzt ... nützlich für sein Volk, während ich ... ich habe mich aufgeführt, wie ein Urvulkanier ... ein Angehöriger der Sternenflotte darf so etwas nicht ... ich bin nicht nur ein jämmerlicher Mann, sondern auch ein sehr schlechter Offizier ..." Über das starre Gesicht Tuvoks huschte ein Schatten. "Captain Janeway hielt meine Ansichten über die neue Ordnung auf Vulkan für ziemlich irrelevant ... verbohrt, intolerant ... was würde sie wohl über mich denken, wenn sie wüsste, dass ich mich bei meinen neuen Verwandten wie ein Verrückter aufgeführt habe, wie ein beleidigter Pascha ... jemand, dessen Ehre an den Genitalien hängt."
Plötzlich konnte er sich nicht mehr vorstellen, Janeway je wieder in die Augen zu sehen. "Sie hielt immer so viel von mir, hat meinen Rat gesucht ... dabei bin ich noch dümmer als ein Sehlath. Ich habe die ganze Zeit gar nicht selbst gedacht, nur die Meinung meines Kohlinar-Meisters wiedergekäut ... wie eins dieser Tiere von der Erde, die dasselbe Gras immer wieder ..." Er versank in dumpfes Brüten. "T'Pel verabscheut mich, Captain Janeway wird es wahrscheinlich auch tun ... ich bin für sie nicht einmal ein richtiger Mann ... T'Pel hat gesagt, ich hätte Wasser in den Adern ... ich kann mich selbst nicht leiden ... Ich hasse mich! Ich sollte es zu Ende bringen ... es lohnt sich nicht ... die Mühe des Abstiegs ... da kann ich gleich hier oben ..."
Inzwischen war es fast Nacht geworden. Tuvok wusste selbst nicht, warum er seine Sternenflottenuniform und die Unterwäsche auszog, alles sorgfältig auf einen Stapel packte, den Kommunikator obenauf legte und sich ein Stück entfernt nackt auf den Rücken legte. Er warf einen letzten Blick auf die vertrauten, glitzernden Sterne des heimatlichen Nachthimmels und schloss die Augen. |