Anneliese Wipperling: "Logik aus der Kälte "

Die Eltern des jungen Vulkaniers Temo sind zwar arm, ungebildet und ohne Einfluß, aber sie wissen ganz genau, wie ihr Kind sein soll: kontrolliert, fügsam und logisch. Doch der widerspenstige, jähzornige Temo entspricht in keiner Weise diesem Idealbild - daran können auch die grausamen Strafen seines Vaters und seines unfähigen Lehrers für Mentalkontrolle nichts ändern.

In ihrer Ratlosigkeit schieben sie den Zwölfjährigen in ein Haus für unvollkommene Kinder ab. Dort begegnet Temo einer gnadenlosen Hierarchie, brutalen Demütigungen und sexueller Gewalt. Schon bald mutiert er vom Opfer zum Täter.
Als er das Heim verläßt, ist er ein Soziopath mit makelloser Logik und Kontrolle. Indem er andere quält, kämpft er gegen seine innere Leere.

Nach dem Selbstmord seiner Gemahlin flüchtet er zu den Turuska, erschleicht sich die Sympathie der Ah'Maral, und steigt sogar zum Anführer einer Bruderschaft auf.
Nur ein einziger Mann erkennt die Bestie hinter Temos netter Fassade: Madras aus dem Hause Kinsai. Als Temo bemerkt, daß er durchschaut wird, schwört er dem jungen Krieger Ashv'cezh - Rache schlimmer als der Tod... und schon bald findet er das perfekte Werkzeug: Madras' kleinen Bruder Tapa.

Der idealistische, naive Junge hat beschlossen, Krieger zu werden, fühlt sich jedoch verunsichert von der Makellosigkeit seines älteren Bruders. Als der geheimnisvolle Temo ihn umgarnt, verliebt er sich und läuft geradewegs in eine Falle.
Tapa muß bald erkennen, dass die heiligen Traditionen der Ah'Maral in Temos Bruderschaft mit Füßen getreten werden, daß verpönte sexuelle Praktiken ebenso an der Tagesordnung sind wie Diskriminierung und brutaler Drill. Im Zelt seines Anführers wird er schließlich Zeuge unvorstellbarer Grausamkeiten ...

Doch als es für Tapa und einige andere Opfer schon fast zu spät ist, fliegen Temos Machenschaften auf. Ganz Vulkan muß sich nun mit dem Unfaßbaren auseinandersetzen. Für die Ah'Maral beginnt eine neue Ära - denn die Bruderschaften zu retten, bedeutet, zu den Wurzeln zurückzukehren...

Textauszug 1:

An dem Tag, als mich meine Eltern in das Haus für unvollkommene Kinder brachten, war ich fast zwölf Jahre alt... und immer noch nicht bereit, mich ihren Forderungen zu beugen. Wenn ich zornig wurde, warf ich nach wie vor mit Gegenständen umher... ich log... verprügelte meine beiden kleinen Geschwister... meine Mimik war dabei so wild wie die eines Urvulkaniers. Die Nachbarn sahen uns bereits mitleidig an und mein Lehrer bemerkte müde, daß ihm langsam die Optionen ausgingen.
"Ich habe es satt", sagte mein Vater eines Tages mürrisch. "Wir haben noch die Kleinen... und ich sehe nicht ein, daß sie weiter unter Temo leiden sollen. Er ist minderwertig, hat keine Ethik, seine Mentalkontrolle wird niemals richtig funktionieren... und er ist außerdem noch faul, aufsässig und gewalttätig. Ich frage mich, woher er das Recht nimmt, unsere Anweisungen einfach zu ignorieren."
"Temo ist doch noch ein Kind", gab meine Mutter zu bedenken. "Er wird es irgendwann begreifen."
"Das glaube ich eher nicht... er haßt uns, seine Geschwister... seinen Lehrer." Ich konnte aus meinem gewohnten Versteck hinter einer großen Truhe erkennen, wie besorgt mein Vater war und amüsierte mich köstlich. Plötzlich verging mir das Grinsen, als er entschlossen erklärte: "Ich will ihn nicht mehr im Hause haben, er gefährdet unsere jüngeren Kinder, das spüre ich... wir stecken ihn jetzt sofort in seinen Verschlag und morgen früh bringen wir ihn zu Seinesgleichen, wo er hingehört."
"Das Haus für unvollkommene Kinder..." flüsterte meine Mutter unglücklich.
"Ja", sagte mein Vater hart, war zu meiner großen Verwunderung mit wenigen Schritten bei meinem Versteck und zerrte mich hervor. Er war viel kräftiger als ich... alle Gegenwehr war nutzlos. Wenige Minuten später saß ich auf meiner gewohnten harten Pritsche. Durch die Gitterstäbe, die eine Außenwand des winzigen Gevierts ersetzten, fluteten ungehindert Hitze, Staub und Sonnenlicht herein, aber so würde es nicht bleiben. Ich kannte diesen Raum, in dem vor langer Zeit, als ich noch ein Kleinkind war, die Gartengeräte aufbewahrt wurden, viel zu gut. Tagsüber war es darin brütend heiß und stickig... nachts kroch die beißende Kälte der Wüstennacht herein. Seit fast als zwei Jahren war das mein Gefängnis, in dem ich jedesmal über Nacht eingeschlossen wurde, wenn ich mich wieder einmal nicht angemessen verhalten hatte. Je nach Schwere des Vergehens gaben sie mir eine leichte Decke... oder gar keine. Wenn sie mich wieder einmal dabei erwischt hatten, wie ich meinen kleinen Geschwistern handgreiflich klarmachte, wer hier das Sagen hatte, mußte ich zumeist auch meine gesamte Kleidung abliefern. Dann rollte ich mich verzweifelt an der warmen Hauswand wie ein Fötus zusammen und wartete am ganzen Körper zitternd darauf, daß die Qual irgendwann vorbei war. Merkwürdigerweise war es mir völlig unmöglich, mein selbstzerstörerisches Verhalten irgendwie zu beeinflussen... und mich zu beugen.
"Temo muß seine irrationalen Emotionen überwinden", pflegte mein Lehrer jedesmal hochmütig zu dozieren. "Die Kälte wird ihn auf das Wesentliche reduzieren... sein Blut abkühlen... seinen hemmungslosen Bewegungsdrang eindämmen. Er wird begreifen, daß sie eine Macht ist, der man nicht entfliehen kann... und daß es seine Aufgabe ist, sie zu einem Teil seines Wesens zu machen."
"Unser Sohn könnte krank werden... oder wahnsinnig", bemerkte Mutter besorgt. "Da fand ich es noch ethischer, ihn zu verprügeln, wenn er etwas angestellt hatte."
"Die Nachbarn hätten Sie dafür anzeigen können... sie haben bisher großes Glück gehabt!" warnte mein Fiesling von einem Lehrer. "Es ist auf Vulkan verboten, seine Kinder zu schlagen... aber es ist nicht unüblich, sie ein wenig abzuhärten. Der Verschlag auf der Rückseite des Hauses ist doch ideal dafür. Niemand wird etwas bemerken, wenn Temo einige seiner Nächte hier verbringt.. falls er sich beschwert, streiten Sie einfach ab, was ein Außenstehender ein wenig kraß finden würde. Schließlich hinterläßt eine Nacht in der Kälte keine Spuren... und daß er weder Decke noch Kleidung hatte, muß Ihnen erst jemand beweisen. Dieses Kind lügt ständig... man wird ihm nicht glauben."
"Ich kann mir nicht vorstellen, daß das etwas bringt", meinte mein Vater, als er das erste Mal mit dieser Form der Bestrafung konfrontiert wurde. "Er wird uns noch mehr hassen... und alles wird viel schlimmer..."
"Vertrauen Sie mir, ich bin doch ein ganz vernünftiger Mann geworden."
"Ihre Eltern haben Sie auch nachts allein in die Kälte geschickt?"
fragte meine Mutter und ihre Stimme zitterte ein wenig.
"Nun, ich war ebenfalls ein ausgesprochen schwieriges Kind", antwortete mein Lehrer ohne jede Scham. "In dem Haus für unvollkommene männliche Kinder gab es eine Kühlzelle für allzu hitzige Emotionen... offiziell war das ein Lagerraum..."
"Und welche Wirkung hatte es..."
"Ich habe gelernt und bin ein Mann geworden", erwiderte mein sogenannter Lehrer ruhig.
Jede dieser eiskalten, einsamen Nächte hinterließ eine Spur in meinem Katra. Sie war ein Beweis dafür, daß mich niemand wollte... zumindest nicht so, wie ich wirklich war... daß ich mich irgendwann entscheiden mußte, ob ich zum Feind aller werden wollte... oder mich ändern... vielleicht mußte ich mich auch ändern, um ein guter Feind zu werden... jemand, den die anderen fürchteten... jemand, der ihnen Kälte bescherte, Hitze, Schmerz... oder den Tod.
Meine Eltern waren aus meiner Sicht regelrecht verblödet. Jedesmal holten sie mich am nächsten Morgen steif gefroren aus meinem Verschlag und verlangten von mir, daß ich alles einsah und ihnen die Gründe für meine Bestrafung erläuterte. Ich hatte meine ganze geistige Kraft verbraucht, um die eisige Kälte zu überleben... und sie verlangten von mir einen Vortrag über irgendwelche bescheuerte Ethik! Es war demütigend und lächerlich... ich verabscheute alles: diesen Schuppen, meine Eltern... und vor allem meine Geschwister, denen so eine Qual niemals zugemutet wurde. Ab und zu dachte ich über nette kleine Unfälle nach, bei denen sie verstümmelt wurden oder starben, ich stellte mir vor, wie meine Mutter heimlich weinen und ich sie dabei beobachten würde... Nach und nach nahmen meine Pläne konkrete Gestalt an... Mein Vater bemerkte etwas... er war offenbar doch nicht so dumm wie ich dachte... oder er konnte in meinem Geist lesen... so wie ich in seinem...
Und nun wollte er mich einfach abschieben... "Tut mir leid, dieses Kind funktioniert nicht richtig, es ist emotional und bösartig... Sie würden mir wirklich einen großen Gefallen tun, wenn ich es endlich los wäre... und es wieder Frieden und Sicherheit in unserer Familie gäbe... und für seine niedlichen kleinen Geschwister... ja, natürlich haben Sie freie Hand... tun Sie einfach das nötige, damit es endlich vernünftig und gehorsam wird... wir sind mit allem einverstanden... bitte... es gehört Ihnen..."
Als wir am nächsten Tag vor dem unscheinbaren Haus standen, war ich fest entschlossen, mich nicht unterkriegen zu lassen. Nur mit halbem Ohr hörte ich dem Geschwafel der Lehrer zu und musterte aus dem Augenwinkel die anderen Kinder. Sie waren zwischen sieben und neunzehn Jahre alt und musterten mich mit völlig ausdruckslosen Mienen. Sie waren nicht einfältig, wie meine Eltern. Mein Geist empfing eine Welle gnadenloser, eiskalter Neugier. Die älteren Jungs betasteten mich unverhohlen mit ihren Blicken. Ich wußte nicht recht, was sie vorhatten... aber es machte mir Angst. Zum ersten Mal beschlich mich das ungute Gefühl, daß es für mich wohl doch besser gewesen wäre, wenn ich mir mehr Mühe gegeben hätte, mich ein wenig anzupassen.


Textauszug 2:

Plötzlich hatte ich das Gefühl, daß alles anders war als sonst... da draußen in der realen Welt preßte ein anderer Mann als Madras seine Fingerspitzen an die Nervenpunkte in meinem Gesicht und war jetzt in mir... eine starke, fremde Präsenz näherte sich meinem Versteck. Ich wollte aufstehen und weglaufen... aber meine Beine gehorchten mir schon lange nicht mehr... ich schmiegte mich in panischer Angst mit geschlossenen Augen an den steinigen Boden... war überzeugt, daß ein Feind, vielleicht ein Verbündeter Temos, in die Praxis meines Vaters eingedrungen war, um mich auf irgendeine gräßliche Weise für immer zum Schweigen zu bringen. Ich spürte die Kühle eines Schattens, der auf mich fiel... dann berührte mich eine warme Hand.
"Tapa!" Ich erkannte die leise Stimme sofort... mit Ruda hatte ich am allerwenigsten gerechnet. "Bitte, Tapa, sieh mich an!"
Ich öffnete vorsichtig die Augen: Ruda hockte direkt vor mir und sah mich mit großen, besorgten Augen an. Ganz behutsam berührte er mein Gesicht, wischte mit sanfter Hand den Angstschweiß von meiner Stirn... "Was willst du von mir?" erkundigte ich mich vorsichtig.
"Mit dir reden... und dich hoffentlich überzeugen..."
"Ich bin nur noch Schmutz, Ruda... nichts was du für deine Bruderschaft gebrauchen kannst... nichts, was geeignet wäre, dich glücklich zu machen..."
"Tapa..." wiederholte Ruda leise.
"Nein, ich war so dumm... ich bin freiwillig zu diesem Lematya gegangen... habe seinen respektlosen Spötteleien zugehört... sie auch noch geistvoll gefunden... mich ihm angeboten..."
"Ich habe auch das eine oder andere falsch gemacht", bekannte Ruda schlicht. "Ich hätte auf deine Unerfahrenheit mehr Rücksicht nehmen müssen... verstehen, daß du dich erst an den Gedanken gewöhnen mußtest... nicht so beleidigt reagieren... und ich hätte dich vor allem niemals aufgeben dürfen!"
Ich sah ihn an, als wäre er ein Außenweltler. "Du entschuldigst dich bei mir?"
"Ich bin mitschuldig... ich habe Temos wahres Wesen auch nicht erkannt. Gemessen an dem was du, Harim und Karak leiden mußtet, ist die kleine Kränkung, die ich erdulden mußte, irrelevant."
"Heißt das, du verzeihst mir?" fragte ich ungläubig.
"Ich möchte, daß du zurückkommst... ich begehre dich immer noch."
"Deine Waffenbrüder würden es nicht verstehen..."
"Oh doch, sie freuen sich auf dich."
"Das kann ich nicht glauben..."
Ruda sah mich nachdenklich an, dann erhob er sich. Ich dachte, daß ich ihn wieder verletzt hätte und er jetzt für immer verschwinden würde... statt dessen hob er mich einfach auf... nahm mich wie ein Kind in die Arme... und kletterte mit mir langsam und vorsichtig den Berg herunter. "Du kannst mich doch nicht einfach gegen meinen Willen..." protestierte ich halbherzig.
"Hör zu, Tapa", erklärte Ruda ruhig. "Du bist viel zu schwach, um es allein zu schaffen. Ich trage dich jetzt bis zum Fuß des Berges... dann kannst du selbst entscheiden, ob du warten willst, bis dein Körper von selbst vergeht... oder meine Liebe und das Leben akzeptieren." Er drückte mich zärtlich an sich und fügte sanft hinzu: "Ich warte da draußen auf dich..."
Nach dem langen, beschwerlichen Abstieg bettete mich Ruda auf seinen weißen Mantel und verschwand. Ich wickelte mich in den weichen Stoff, atmete seinen schwachen Duft ein... dann überwältigte mich die Müdigkeit. Ich schlief traumlos... kein Temo... keine Angst... kein Schmerz... keine Scham. Als ich wieder aufwachte, fühlte ich mich kräftig genug, um aufzustehen... nur ein paar Schritte weiter war das Leben...

Farbcover:

Anneliese Wipperling

Seitenzahl:

192 Seiten DIN A4

Preis:

11,90 EURO

Altersbeschränkung:

ab 18 Jahre (Ausweiskopie beifügen!)

Bezug:

Star Trek Forum

Kontakt:

Uschi Stockmann
Otto-Heinrichs-Straße 6
38442 Wolfsburg

uschi@st-forum.de

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