Nemesis - ein Film der verschenkten Möglichkeiten von Adriana Wipperling
Kaum ein Star-Trek-Film hat die Fangemeinde
so polarisiert wie "Nemesis". Der Film hätte keine Handlung, keinen Sinn,
meckern viele Fans. "Nemesis" sei das Beste, was die TNG-Crew auf die große
Leinwand gebracht hätte, meinen andere. Ich persönlich kann mich weder der
überschwänglichen Begeisterung noch der vernichtenden Kritik anschließen.
Das Problem dieses Films ist nicht, dass er keine Handlung hätte. Im
Gegenteil - er hat zu viel. Data begegnet seinem unvollkommen "Bruder" B 4, auf
Romulus findet ein Staatsstreich statt und schließlich kommt es zum dramatischen
Showdown zwischen Picard und seinem Klon Shinzon, der zu allem Überfluss unter
Zelldegeneration leidet und bald sterben muss. Ist es bei so vielen
Handlungssträngen, zusammengepresst in weniger als zwei Stunden, überhaupt
möglich, das Thema in seiner philosophisch-psychologisch-politischen Tiefe
auszuloten? Ich fürchte, nein. Einige der hochinteressanten Konflikte, die hier
angerissen werden, bleiben leider an der Oberfläche.
Als er gegen Shinzon
kämpft, wird Picard mit den Abgründen seiner eigenen Seele konfrontiert, er
blickt sozusagen in einen "dunklen Spiegel". Doch nicht nur Picard - auch
der Zuschauer kann Shinzons Beweggründe bis zu einem gewissen Grade sehr gut
nachvollziehen: seinen Hass auf die Romulaner, seine Eifersucht auf Picard,
dessen "minderwertige" Kopie er ist, und natürlich das Bedürfnis, seinen Wert zu
beweisen. Nur schade, dass dieser Charakter, der am Anfang so glaubhaft
dargestellt wurde, schließlich doch den gängigen Schurkenklischees zum Opfer
fällt. In Ordnung, er hat nichts anderes kennengelernt als Gewalt und deshalb
wendet er ebenfalls Gewalt an, um seine Ziele zu erreichen. Bis zu diesem Punkt
komme ich wunderbar mit. Nur wieso ist Shinzon so versessen darauf, die Erde
anzugreifen und die Menschheit auszurotten? Weil die Föderation ihn im Stich
gelassen hat? Weil er ein destruktiver Typ ist, der seinem pubertären Größenwahn
frönt? Weil er selbst nicht weiterleben darf und das auch niemand anderem gönnt?
Keine Ahnung - er ist eben böse. James Bond lässt grüßen :-). Datas
Tod wurde für meinen Geschmack viel zu knapp und unspektakulär abgehandelt. Puff
- weg war er. Ein wenig mehr Pathos hätte mir an dieser Stelle gefallen :-).
Und außerdem: Könnte nicht zur Abwechslung mal jemand anderes im Mittelpunkt
stehen als Picard und Data? Klar, die beiden sind großartige Charaktere mit viel
Potenzial - aber TNG ist nie eine Big One, Big Two oder Big Three Show a la TOS
gewesen. Leider tendieren die Filme immer mehr in diese Richtung. Was
mich jedoch am meisten enttäuscht hat, war die oberflächliche Darstellung der
Romulaner und vor allem der Remaner. Über die Romulaner, an sich ein
faszinierendes Volk, wurde schon in der Serie nicht allzu viel verraten. Man
weiß, sie stammen von den Vulkaniern ab, sie haben einen Geheimdienst, einen
Prätor, einen Senat und sie lieben es, zu intrigieren. Viel mehr weiß man leider
nicht. Nun wurden in "Nemesis" die Remaner eingeführt, die bis zum Schluss
konturlos blieben. So wie sie früher die Sklaven der Romulaner waren, sind sie
später die Marionetten Shinzons. Ja, haben denn diese Leute überhaupt keinen
eigenen Willen? Dabei hätte dieses ausgebeutete, gequälte Volk, das sich mit
Shinzon als Führer gegen die Romulaner erhebt, auf alle Fälle Stoff für einen
guten Film geboten. Noch interessanter wäre es gewesen, wenn Picard in einen
ernsthaften Gewissenskonflikt geraten wäre: Soll er den Romulanern helfen, die
immerhin eine ganze Spezies versklavt haben und das auch weiterhin tun werden,
wenn man ihnen den Rücken stärkt - oder soll er Shinzon und die Remaner
unterstützen, die aus Rache einen Völkermord begehen würden?
In "Nemesis", waren die
Remaner lediglich bessere Statisten. Ihr Job war es, hässlich auszusehen und in
der Finsternis herumzukriechen, um damit einen Gruseleffekt zu erzeugen, der
sich bei mir einfach nicht einstellen wollte. Eine außerirdische Rasse als ein
Haufen billiger Horrorkreaturen? Das ist eigentlich sehr fragwürdig und ganz
bestimmt nicht im Sinne von Star Trek! Außerdem hätte man doch auf der
Enterprise sehr leicht mit ihnen fertig werden können: Man schalte das Licht ein
und sie wären erledigt. Soviel zum "furchterregendsten Feind, dem der Captain je
gegenübergestanden hat". In Sachen Eigenlob sind Berman und Braga wirklich
Spitzenklasse. Und was mich auch noch wundert: Wie konnte es den Remanern
überhaupt gelingen, eine eigene Raumschiffflotte und dazu eine hochmoderne
Superwaffe zu bauen? Woher hatten sie die Mittel dafür? Waren sie nicht
Bergbausklaven, die von ihren romulanischen Wachen auf primitivstem Niveau
gehalten wurden? Oder haben sie einfach die Technik der Romulaner geklaut? Sah
eigentlich nicht so aus.
Was solls - genug gemeckert :-). Trotz aller
Löcher in der Logik hat "Nemesis" auch Pluspunkte zu verbuchen. Die Actionszenen
sind einmalig und die Stelle, wo der Sandbuggy in die Shuttlerampe der
Enterprise geflogen ist - einfach klasse! Die telepathische Vergewaltigung
Deanna Trois und die Rückblicke in Shinzons von Gewalt beherrschte Kindheit fand
ich ebenso beeindruckend wie den grausamen Mord an den romulanischen Senatoren.
Die Hochzeitsszene war gut gelungen - nicht zu lang und nicht zu kurz. Wenn sie
noch auf Betazed vorbeigeschaut hätten, wäre der Film wohl kaum ab 12 gewesen
:-). Überhaupt gefiel mir der Anfang sehr gut. Er hatte die richtige
Mischung aus Action (Sandbuggys), Gefühl (Will und Deanna), Horror (das Attentat
auf die romulanischen Senatoren), Menschlichkeit und Humor. Leider hat die
Action gegen Ende alles andere zurückgedrängt und ich hatte das dumme Gefühl,
dass die Macher in erster Linie Raumschiffe zerschreddern wollten. Ein oder zwei
Raumschlachten weniger - und man hätte trotz der begrenzten Länge ein paar
zusätzliche Hintergrundinfos unterbringen können. Für mich ist Nemesis
nicht gerade der beste aller Star-Trek-Filme, aber auch nicht der schlechteste.
Alles in allem ist es - trotz vielversprechender Story - ein Film der
verschenkten Möglichkeiten. Es wurde die Möglichkeit verschenkt, mehr über die
Romulaner zu erfahren, es wurde die Möglichkeit verschenkt, die Remaner zu einem
interessanten Gegner zu machen, und auch die Möglichkeit, Data einen würdigen
Abgang zu bereiten. Aber das ändert nichts daran, dass wir im Kino unseren
Spaß hatten, denn unterhaltsam und mitreißend ist der Film allemal. Dennoch
hätte ich etwas mehr Klasse erwartet für die "letzte Reise einer
Generation".
© by Adriana Wipperling
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