"Ich beschützte die Zeitlinie"
Piri aus dem Hause Tureg: Rede anlässlich einer Abschiedszeremonie
(Übersetzung von Anneliese Wipperling)
"Gute Gedanken und Frieden, meine Freunde, Mitstreiter und ehemaligen Gegner! Wir haben uns heute zusammengefunden, um das Andenken von dreihundertvier Kämpfern zu ehren, die bis zum letzten Atemzug ihren Befehlshabern und ihrem Auftrag treu geblieben sind. Ja, irgendwie berührt mich dieser Stolz, dieses sture Festhalten an der eigenen Identität ... diese grandiose Verachtung für die Sieger. Doch, mir haben diese Soldaten schon imponiert ... es ist nur schade, dass sie ihre besten Eigenschaften für so eine abscheuliche Sache in die Waagschale geworfen haben.
Ich habe diese Männer respektiert, gefürchtet ... und verachtet. Gefürchtet habe ich sie wegen der Blutspur, die sie möglicherweise mit ihrer fanatischen Hingabe an das Böse durch unser aller Zukunft gezogen hätten ... verachtet habe ich sie wegen ihrer bodenlosen Dummheit. Srii´Lanna hat uns erzählt, dass es für jeden Kor´marra einem Todesurteil gleichkam, wenn die Djindjii merkten, dass er selbstständig dachte.
Einem Soldaten des Triumphats wurde nur ein partieller Verstand zugebilligt, eine tierische manipulative Intelligenz, die ausschließlich auf das Ersinnen kleiner Kriegslisten und das Lösen aktueller praktischer Probleme gerichtet war ... dieselbe Art Intelligenz, wie sie auch die Djindjii besitzen. Rein instinktiv wussten die Gefiederten, dass die Kor´marra ihrer Macht irgendwann entgleiten würden, wenn sie das volle intellektuelle Potenzial ihrer Spezies ausschöpfen würden ... dass sie sogar ihre Ethik entdecken und sich gegen das Triumphat stellen könnten.
Wie recht sie hatten, beweist Srii´Lanna, der sechs gefangene Heylaner gerettet hat, weil er ihre Leiden nicht mehr ertragen konnte. Wahres, tiefes Denken ist immer gefährlich für die Mächtigen, deshalb haben sie es zu allen Zeiten gnadenlos bekämpft.
Als Wahrträumer sehe ich vieles mit anderen Augen. Die Zeitlinie liegt wie ein Pfad durch Wüste und Dschungel, durch Feuer und Eis vor mir. Ich kenne die Wegkreuzungen des Schicksals und die fragile Architektur der Lebensentwürfe von Einzelpersonen, Völkern ... dem ganzen Universum. Ich bin ein Hüter der Zeitlinie und als solcher verpflichtet, einzugreifen, wenn ich eine Gefahr erkenne. Natürlich hätte es normalerweise genügt, warnend die Stimme zu erheben, aber ich bin nicht nur Träumer, sondern auch Krieger meines Volkes. Ich wurde durch zwei verschiedene Pflichten zum Handeln gezwungen ... und ich kann nur hoffen, dass auch Nichtturuska das verstehen werden.
Als Anführer der Ah´Maral habe ich Schaden von meinem Volk und dem roten Sektor abgewendet, als ich diese ehrenhaften, gefühlskalten Fanatiker tötete.
Ich weiß, dass einige Schutzgeister Nakkars meinen, dass ich ihnen nicht genug Vertrauen entgegengebracht habe. Sie verstehen nicht, wie ein Mann denkt, für den die Zukunft ein unverschlüsselter Datenstrom ist. Sie begreifen nicht, dass er keinerlei Illusionen mehr hat ... dass er sehen kann, wie aus winzigen Fehlern monströse Katastrophen erwachsen.
Ich kann meine Mitstreiter bei den Feuermulden nur bitten, ihre Haltung noch einmal zu überdenken. Die Instrumente des Bösen taugen nicht für eine gute Sache! Ich möchte, dass wir angesichts dieser Toten unseren Bund erneuern ... dass wir mit Respekt und Zuneigung die Kluft zwischen unseren Spezies überwinden. Am´Ramah, der alles sieht und sehr selten eingreift, hat uns auf unsere Plätze gestellt, um die Entropie in diesem Universum zu verringern. Tun wir einfach unsere Pflicht!"
(Auszug aus: Anneliese Wipperling: "Gesang mitten im Feuer“)
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