Prometheus Ein Poem von Anneliese Wipperling
zum Ende

Urchaos
Weiten,
eingekrümmt,
in winzige Knospen.
In jeder wartet
ein ganzes All.
Bis eine
gleißend aufbricht ...
Prometheus wandelt
durch bläuliches Licht,
wird eine Welt
erschaffen,
erleiden,
altern mit ihr.
Am Ende zur
Schmelze werden
für andere
neue
Skulpturen.
Vorzeit
Frühling
des Alls.
Die Sterne
sind jung
und einander
noch nah.
Im Lichtnebel
treiben
Giganten der
Vorzeit.
Dünne Konturen
schneiden Feuer
und Leere,
umarmen
bekämpfen
vernichten sich.
Prometheus
steht abseits,
die Arme
müßig gekreuzt.
Er sieht staunend
Blut und Samen
tropfen in
Wolken
kosmischen
Staubs.
Irgendwann
wird daraus
Leben
wuchern.
Titanenschlacht
Alles ist festgelegt,
nur noch Struktur
keine Bewegung.
Grenzen dehnen sich aus und
Wachstum zerrt an allen
Verbindungen.
Machtlüsterne Söhne
bekämpfen ihre alten,
gefräßigen Väter.
Sonnen schleudern
leuchtende Nebel,
versengen Planeten,
explodieren ...
Prometheus ahnt:
Die Welt droht
zusammenzustürzen
in Schwere und Licht!
Angst krümmt ihn,
lässt ihn schrumpfen.
Er verbündet sich
mit den neuen Mächtigen.
Sieht zu, wie die alten Götter
gefesselt werden,
verstümmelt,
ausgeschlossen
aus Raum und Zeit.
Noch ist er frei,
doch die Sieger
kann er nicht lieben.
Auf ihn wartet
später
anderes Leid.
Der Wanderer
Kalt ist der Kosmos
und riesengroß.
Prometheus
treibt langsam
durch Raum und Zeit.
Nachlässig lässt er
den Sand
fremder Welten
durch seine Finger gleiten.
Die Götterversammlung
ist ihm verhasst:
leeres Ritual
und genormte
steinerne Brüste ...
Im Mund
brennt noch immer
ein schwarzer
bitterer Kern
seiner Träume.
Endlich
speit er ihn aus.
Da entrollt sich
ein Bild
harmonischer Vielfalt,
sinkt herab
auf einen blauen
Planeten ...
Prometheus
stürzt hinterher
auf der Jagd nach
spürbarer Freude.
Da umfängt
ein ekstatischer Sommer
seine kalte
wehrlose Blöße
und die Füße
versinken
in weißem Sand.
Der Traum
Nachtseite
des Planeten.
Prometheus schläft.
Sein nackter Rücken
schmiegt sich
ins Moos.
Weit oben
verschlingen
die Wolken
Stern um Stern.
Ein Traum
wälzt sich
langsam heran,
vereinigt
Gestern
und Morgen ...
lässt die
explodierende Sonne
als Blitz
eine Eibe spalten.
Ein gewaltiger Regen
spült letzten
kosmischen Staub
von der Haut,
löst Prometheus auf,
lässt ihn hinströmen
über die Welt.
Im Frühlicht erst
taucht er auf
aus Wasser und Traum,
wächst langsam
der Sonne entgegen.
Er sieht seinen Wald
entwurzelt,
versunken.
Die Ewigkeit
zersplittert
in Geburten
und Tode.
Er weint
um die
ertrunkenen
Vogelkinder,
die flußabwärts
treiben
ins Meer.
Schöpfungsgeschichte
Die Erde dreht sich
wandert durchs All.
Pflanzen und Tiere
entstehen
verschwinden ...
Prometheus sitzt
lange schon
auf einem Hügel.
Regen,
Wind
und Sonne
spielen mit dem
gelben Lehm ein
Verwandlungsspiel.
Prometheus schaut
mit hellen
weit offenen
Augen
die Hände spielen
mit der
schmiegsamen Erde,
formen
kleine Planeten,
seltsame Körper,
Gesichter ...
Finger ertasten
Strukturen,
immer ekstatischer
Dimensionen
der Schönheit.
Ein Schöpfungsrausch
dehnt die Landschaft.
Die Steppe
füllt sich
mit Statuen:
misslungenen Torsi,
jungen Kriegern,
Gelehrten,
Tänzerinnen.
Der Euphorie
folgt Erschöpfung.
Die Welt schrumpft.
Prometheus
schläft traumlos
während Tage
und Nächte
das Werk
seiner Hände
abschleifen,
erwärmen,
befeuchten.
Der Samen
uralter Götter
regt sich
im Lehm.
Als Prometheus
aufwacht,
sind seine Geschöpfe
hinweggegangen ...
haben sich verstreut
über die Erde.
Begegnung
Herbstgrau
verhüllt die Sterne.
Prometheus
träumt sich
eine festliche Schar
junger Götter
in den nüchtern
aschgrauen Himmel.
Unten lodert der Ahorn
vor grünen
stachligen Kiefern.
Da geht
eine goldbraune Frau
über die feuchte Wiese.
Venus kommt,
salziger,
glitzernder
Schaum,
Frühlingsduft,
lange verdrängte
Sehnsucht.
Prometheus
nähert sich,
berührt,
liebkost,
taucht ein.
Irrfahrt
durch die Jahrtausende
an die Grenze
von Ordnung
und Chaos ...
Ungewohnte
Körperlichkeit,
die altert
und schmerzt.
Alles wird möglich:
Expansion
in unendliche Räume,
Aufglühen
als neue Sonne,
Erschaffung neuer
pulsierender Welten.
Plötzlich spürt er:
Die Frau unter ihm
hat festes Fleisch
ist klein und fremd.
Als sie geht
tost am Himmel
das feindselige
blutige Bild
der Titanenschlacht.
Er wird ihr
nicht folgen.
Seine Kinder
werden wachsen,
Enkel zeugen
und die Welt
mit Träumen
bevölkern
wie er.
Ankunft der Götter
Nebelnacht
im Spätherbst.
Die Welt ist
verschwunden.
Prometheus spielt
mit Erinnerungen.
Der Polarstern leuchtet
in seiner Hand:
drei weiße
Riesensonnen,
deren Atemstöße
die nahen Planeten
verbrennen.
Beim Aufschaun
sieht er
den eigenen
Schatten
lautlos
schweben
im Grau.
Menschen und Tiere
frieren in
ihren Verstecken.
Ihre
verirrten Träume
tasten sich blind
durchs Gestrüpp,
erschrecken,
fliehen,
vor dem
fremden Glanz.
Da werden
aus Angst und Wahn
vieler Seelen
Götter geboren,
verschmelzen
mit Bäumen,
Bergen,
Wolken,
Flüssen ...
Als nach Tagen
mittags
der Nebel
aufreißt,
lockt Venus
mit goldenen Hüften
den verwilderten Mars.
Oben im kalten Blau
droht Jupiter
mit gebündelten Blitzen.
Langsam
treten die Menschen
aus ihren Höhlen
mit betend
erhobenen Händen.
Nur die Tiere
wandern noch
unbeeindruckt
ihre eigenen Pfade.
Der Feuerbringer
Die Erde
ist dicht bevölkert.
Kriegstrommeln,
Tempelglocken und
das Getöse der Märkte
erdröhnen.
Prometheus
entfernt sich,
tanzt nacktfüßig
auf den
schwebenden Ringen
der großen Planeten.
Weit draußen
öffnet ein Pfad sich:
durchsichtig,
ziellos,
weit.
Er zaudert,
sehnt sich
nach Wanderschaft
und ist doch
Grenzen gewohnt,
fürchtet inzwischen
die Einsamkeit
der Freiheit.
Die Sonne
lockt ihn
mit Wärme
und Glanz,
umarmt ihn,
nimmt ihn
für lange Zeit
auf.
Er kehrt zurück
zur Erde,
beide Arme
gefüllt
mit Feuer,
glaubt an
Heimkehr ...
Doch er findet nur
winterlich
entfärbtes Land
und ein ärmliches
Pflanzendasein
der Menschen.
Mit vollen Händen
verschenkt er
die kosmische Gabe.
Ihr unerträgliches Leuchten
überstrahlt den Glanz
von Palästen und Tempeln.
Majestätische Götterstatuen
entblößen
ihr taubes Gestein.
Prometheus´ Geschenke
brennen wie Sterne
im Staub.
Verwirrt
stolpern die Menschen
zurück zu Töpfen
und Feldern,
während eifrige
Priester
Die Götter
mit frischer Farbe
tünchen.
Prometheus´ Enkel jedoch
haben später
das Feuer
nach Hause getragen.
Sie suchen nun
Ihre neuen Koordinaten
in den Weiten
des Alls.
Chimära
Vorfrühling.
Es ist klar
Und sehr kalt.
Prometheus
sucht einen Weg,
müde,
blutend,
einsam.
Sträuchergeflecht
umgibt ihn ...
blattlose Käfigstäbe,
graues
endloses Dornenfeld
unter strahlendem Blau.
Schritte
in der Ferne.
Der Feuerbringer
wird gejagt.
Priester und Herrscher
haben ihn
klein geredet.
Sie schicken ihre
hölzernen und
steinernen Götter.
Harte Füße
zermalmem
Gezweig.
Die Hütten
der Freunde
brennen schon.
Da tritt
aus dem Dickicht
ein sanftes Tier
mit Mädchenhänden
und weißem
schimmerndem Fell.
Die Landschaft
verzerrt sich.
Großes wird klein
und Winziges riesig.
Chimäras Reich
schwankt auf
Stützen aus Luft
im schneidenden Wind.
Augenblickswelt
ohne Gesetz,
bezaubernd,
betäubend ...
Gelangweilt
schüttelt Chimära
die glänzende Mähne.
Prometheus
erwacht
erst im Fallen,
verletzt sich
auf hartem Gestein.
Ganz nah
ist das Stampfen
der Feinde.
Um sich zu waffnen,
zu verwandeln,
zu fliehen
ist es zu spät.
Der Gefangene
Der Stein ist
kalt oder heiß
immer aber
hart und grau.
Prometheus´ Glieder,
festgeschmiedet
seit Jahrhunderten,
verkrampfen sich,
schmerzen ...
Unmöglich ist es
den Kopf zu heben oder
die Blöße zu schützen
vor Hagel und Wind.
Rote und
schwarze Welten
hinter geschlossenen Lidern ...
Tag und Nacht,
Schmerz und Lähmung ...
Prometheus ist
zu stumpf
um sich klein zu träumen
und zu entschlüpfen.
Zu schwach
um die Ketten
zu brechen.
Manchmal,
mit offenen Augen,
sieht er hoch oben
den Adler,
wartet wehrlos
auf das Bohren
der Fänge
den scharfen Schnabel ...
Angst,
Verwundung,
Erschöpfung:
Ein ewiger Kreislauf.
Manchmal fällt viel
weißer Schnee
und der hungrige Vogel
fliegt weg
bevor er
die Mahlzeit
freigescharrt hat.
Aber mit der Wärme
kehrt auch der Adler
zurück.
Mit der neu
gewachsenen Haut
zerreißt jede Hoffnung.
Kein Traum
kann mehr reifen.
Generationen von Adlern
sättigten sich
am ewig nachwachsenden Fleisch.
Generationen
werden noch kommen.
Der Feuerbringer
ist vergessen von allen.
Erlösung
Viele Frühlinge
sind schon vergangen.
Prometheus
dämmert nur noch
zwischen den
Zerfleischungen.
Eines Tages
kommt kein Adler mehr
und die Wunden
verschorfen.
Prometheus bewegt
langsam
Hände und Füße.
Die verrosteten
Fesseln
zerfallen.
Die Welt strahlt
weiß und blau:
Schnee,
Wolken
und ein Himmel
mit Aussicht ins All.
Es ist einsam
hier oben
als sei der Planet
nicht bewohnt.
Der Boden ist fest
ein Felsblock
mag Waffe sein
gegen den Diener
des Zeus.
Der Abstieg
wird mühsam.
Unten im Tal
näßt Regen
den letzten
getöteten Adler.
Die Griechengötter
sind fort.
Die Erde ist
alt geworden,
kahl,
stinkend ...
Feuer regiert
segensreich und
verheerend.
Eisen regiert,
Gold
Papier:
Furchtbare,
unbegreifliche
Götter!
Prometheus
kann dieser Welt
nicht vertrauen,
sie nicht ertragen.
Verstört und hilflos
verlässt er
die Erde und
die entfremdeten Enkel.
Selbst als die Sonne
nur noch ein winziger
ferner Stern ist
schüttelt ihn Furcht.
Am Wendepunkt
Welt
ohne Jahreszeiten.
Die gelbe Sonne
bläht sich
riesig,
rot
tödlich.
Erkaltet dann,
schrumpft.
Die Erde ist
nur noch
gefrorene Asche.
Prometheus schwebt
fern
aller Galaxien
im Nirgendwo.
Einer Wüste
für jeden Gott.
Kein Feind
sucht ihn hier.
Noch träumt er blasse
verzerrte Bilder.
Leib und Gelenke
schmerzen bei
jeder Erinnerung
an die Erde.
Er spricht
mit sich selbst:
wenige Worte nur
immer wieder,
verstummt dann.
In tiefer Stille
verlernt er zu hören.
Nirgends
leuchtet ein Stern.
Nur ferne
Nebel schwimmen
auf schwarzem Grund.
Längst hat Prometheus
die Augen geschlossen.
Der fühllose Körper
wird spröde,
zerbrechlich.
Ganz langsam nur
dehnt sich der Raum noch.
Ein leises Beben.
Stillstand.
Danach beginnt
das Weltall
zu schrumpfen.
Es wird wieder Licht.
Prometheus
öffnet die Augen.
Das kalte Gespinst
der Einsamkeit reißt.
Im Zenit
seines Lebens
fühlt er sich groß.
Er findet
späte Sonnen
mit belebten
Planeten.
Es ist wieder
Nähe möglich,
Berührung,
Hingabe ...
Vereinigung
Prometheus
ist angekommen.
Eine grell weiße Sonne
schwebt über Wasser
und nacktem,
schwarzem Gestein.
Die Wellen glitzern.
Prometheus
schwimmt weit hinaus,
taucht spielend
in dämmerige Tiefen.
Warme
schillernde Kugeln
gleiten behutsam
am Körper entlang
verschwinden,
kehren zurück.
Prometheus,
aufgewühlt,
träumt sich
eine Göttin mit
goldenen Schenkeln
ins Wasser,
sieht sie
singend aufsteigen
ins Licht
und glänzen.
Da umfängt ihn
etwas weich.
Es ist blau,
und riesig.
Prometheus
ist gefangen,
geborgen.
Sanfte Berührungen
Überall.
Tastende Wurzeln
durchdringen die Haut.
Blutkreisläufe
und Träume
verschmelzen.
Eine blaue Meduse
mit Prometheus´
Augen
und Stimme
durchwandert
das Meer.
Ihr Tod erst
macht ihn
wieder einsam
und frei.
Eines Nachts
steht er verloren
am schwarzen Strand,
im salzigen Wind,
unter schimmernden
Sternen.
Die Freiheit
schmeckt
wie ein Rausch
aus Tränen.
Endzeit
Die Welt altert
und schrumpft
immer schneller.
Erloschene Sterne
rücken zusammen.
Verdünnte Materie
ballt sich
zu letzten Sonnen.
Blaues
hartes Licht
tötet alles.
Prometheus sucht
ruhelos Leben
und Liebe.
Er ist hager,
schwarz gebrannt,
voller Narben.
Viele Planeten
sind verdampft
oder Wüsten
voll Ruinen
aus Stahl
und Beton.
Die Friedhöfe
sind tief begraben
unter Staub
oder Schnee.
Prometheus
durchstreift
bemalte Höhlen,
Erzschächte ...
Er findet
nur bleiche
winzige Tiere
mit steinharten
Panzern.
Er ist einsam,
wühlt verzweifelt
in Erinnerungen
und gleißenden Träumen.
Sie lodern
immer feuriger auf
je mehr die Welt
und ihr Licht
sich verdichten.
Grelles Leuchten
Verschlingt seinen
schwarzen Leib.
Am Ende der Zeitbr
wird er eins
mit dem ins Nichts
zusammenstürzenden
Kosmos.
Ende und Anfang
Es ist vorbei.
Wieder einmal ruhn
Materie und Licht
eingeschmolzen
in einer
winzigen Knospe.
Aber der Druck
im Inneren
wächst.
Raum
will sich entfalten.
Eine Bühne
für Steine und Sonnen,
Körper, Seelen
und Glanz ...
Wieder einmal
schreitet
ein schöner, junger
Prometheus
erinnerungslos
durch gleißendes Blau.
Mit ahnungsloser
Ekstase
beginnt er
einen neuen Kreis
seine Geschichte,
seinen Kosmos.
© Anneliese Wipperling
zum Anfang
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