Anneliese Wipperling
Demokraten und Despoten
Wenn man gewissen Schreibtipps Glauben schenken mag, gibt es keine größere Todsünde, als eine Geschichte anzufangen, ohne zu wissen, wie sie ausgeht. Nein! Das ist nicht nur unprofessionell, disziplinlos und äußerst unlogisch! Da ist auch der Misserfolg vorprogrammiert, denn ohne sorgfältige Planung und das akribische Ausarbeiten der skizzierten Handlungsabläufe ist damit zu rechnen, dass die Story völlig aus dem Ruder läuft ... dass sich Proportionen verschieben, lose Handlungsfäden übrig bleiben, wichtige Personen nicht ausreichend definiert werden oder sogar eklatante Widersprüche auftreten, die der unbedarfte junge Autor in seinem irrationalen Schreibrausch schlicht und einfach übersehen hat. Durchgeknallte euphorische Autoren sind per Definition schlechte Autoren und Schreiben halt ein schwieriges Handwerk ... Dieses Dogma wirkt auf den ersten Blick so überzeugend, dass fast jeder, der sich gern der heimlichen Ausschweifung hingibt, gleichzeitig besessener Schreiber und sein eigener faszinierter Leser zu sein, das nur im engsten Freundeskreis zugibt. Wer sich hier outet, muss schon ein richtig dickes Selbstbewusstsein haben und denken: „Wenn das bei mir funktioniert, ist es für mich richtig ... oder kann mir etwa jemand irgendwelche Schlampereien vorwerfen? Na? Seht ihr!“ Ich will ja nicht behaupten, dass all die guten Ratschläge, wie man eine Geschichte ordentlich plant, Datenbanken über Charaktere und Schauplätze anlegt, ein Exposé erstellt und es akribisch abarbeitet, tatsächlich falsch sind und dass jeder freiweg loslegen sollte ... nein, es gibt schon objektiv erfolgreiche Wege zu einer guten Geschichte. Dennoch kommt mir das Dogma allzu eindimensional vor ... wie ein simples Kantinenrezept: zusammengeklebte Makkaroni, Soße von Maggi aus der Tüte und eine Scheibe gebratene Jagdwurst ... gleich Jägerschnitzel. Aber man kann auch ganz anders kochen: fremdländisch, intuitiv oder unter kreativer Verwendung vorhandener Reste. Es gibt nicht nur richtig und falsch ...
1. Das Streben nach AllmachtIm realen Leben sind die meisten von uns ziemlich machtlos. Das gilt nicht nur für Otto Normalverbraucher, sondern auch für Professoren, Offiziere, Finanzbeamte oder mittlere Konzernbosse. Nur die ganz oben haben ein wenig mehr Spielraum als der Rest der Menschheit, aber auch sie müssen sich allzu oft den Schachzügen ihrer Kontrahenten oder allgemeinen Sachzwängen beugen. Im Reich der Fantasie gibt es deutlich mehr Freiheit und wer will es jemandem verdenken, wenn er dort seinen ganzen Frust zu kompensieren sucht? Ich bin der Herr dein Autor ... Manch einer setzt sich mit dem festen Vorsatz, endlich einmal uneingeschränkt Gott – oder wenigstens Cäsar – zu spielen an den Computer. „Ich bestimme ganz allein, wer in meiner Geschichte mitspielen darf und die Rasselbande hat bitte sehr aufs Wort zu parieren!“ Heimliche Despoten verlangt es nach Untertanen, die sich bereitwilliger und freudiger als Hunde unterwerfen. Da wird an der bedauernswerten Figur gebogen und gequetscht, bis sie irgendwann eingekeilt und verkrümmt in einer Ecke klemmt ... dann tritt man ihr in den Hintern, damit sie sich wieder ein bisschen bewegt, brüllt sie wegen ihres Duckmäusertums an und hetzt sie so bis zum Finale vorwärts. Na gut, das war jetzt ein bisschen übertrieben. Allerdings ist die Vorstellung, beim Schreiben mit eigenen und fremden Charakteren ganz nach Belieben verfahren zu dürfen, ziemlich weit verbreitet. Mir ist aufgefallen, dass manche so genannte Fanzineautoren nicht einmal ihre angebliche Lieblingsserie richtig kennen ... oder zumindest die bereits gesendeten Folgen souverän ignorieren und ihren bevorzugten Helden locker Eigenschaften und Handlungen unterschieben, die nie und nimmer durch die Serienbibel gedeckt sind. Der arme, seiner Substanz beraubte Charakter stolpert nun wie eine hirnlose Marionette durch fremde Fantasiewelten, seine Miene ist hölzern, der grell bunte Lack glänzt, die Beine schlenkern hilflos und ein Puppenspieler hinter den Kulissen spricht an seiner Stelle. Ja, jeder bekommt die Figuren, die er verdient und wer von der Allmacht träumt, lässt am besten wehrlose Puppen tanzen ... bunte blanke Prototypen ... den wackeren Helden, die böse Hexe, den schleimigen Anwalt, die traurige Prinzessin oder den dummen König. Jeder bekommt ein einziges Etikett aufgeklebt, dann kann sogar ein Kleinkind damit spielen. Ich hoffe, dass jetzt niemand beleidigt ist ... aber Allmachtsfantasien deuten tatsächlich darauf hin, dass jemand noch nicht richtig erwachsen ist ...
2. Aufgeklärte DespotenEin kluger Herrscher weiß, dass er von seinen Leuten nicht alles verlangen kann und Cäsarenwahn eine lebensgefährliche Krankheit ist, die dem Betroffenen letztendlich Aufrührer und Meuchelmörder einbringt. Er wird seine Untertanen entsprechend Qualifikation und Charaktereigenschaften sinnvoll einsetzen, ihre Würde weitgehend respektieren und ihnen manchmal sogar ein wenig Narrenfreiheit gönnen. Der aufgeklärte Despot kennt sein Volk, streunt manchmal nachts verkleidet in den Kneipen herum und willige Zuträger informieren ihn rechtzeitig, wenn es irgendwo zu schwelen beginnt. Dann setzt er nicht sofort Armee und Feuerwehr ein, sondern geht den Ursachen auf den Grund. Erst wenn er genau weiß, wo er ansetzen muss, greift er zum Skalpell und eliminiert den Krankheitsherd. Ein gemäßigter Despot ist durchaus in der Lage, interessante und spannende Geschichten zu schreiben. Er muss nur darauf achtet, dass sich nicht die falschen Leute in sein kuscheliges Königreich verirren: Heimlichtuer, Grenzgänger, Rebellen, falsche Prinzen, Kritiker, Emanzen aller Art ... und vor allem muss er sich vor denen da draußen hüten!
3. Perfekten UntertanenEine selbst geschaffene Figur birgt für den Autor normalerweise kaum unangenehme Überraschungen ... vorausgesetzt, er hat gründlich recherchiert, die richtigen Eigenschaften miteinander kombiniert, den perfekten Androiden gut geschliffen und mit geeignetem hochwertigem Fett geschmiert. Natürlich kann er nie auf hundertprozentige Sicherheit hoffen, denn es gibt ja leider noch die Chaostheorie. Winzige Lunker, Programmierfehler und ferne Sonneneruptionen können dazu führen, dass es trotz aller Vorsicht zu unerwarteten Entwicklungen kommt. Ein Despot wird einen unzuverlässigen Charakter eher eliminieren, als dass er zulässt, dass der widerspenstige Kerl ihm über den Kopf wächst. Er wird nicht eher ruhen, bis wieder Ordnung in seinem Reich herrscht und dann nach Plan unbeirrt weiterbauen. Ja, der selbst gebaute Untertan und der machtvolle, knallharte Despot ist ein perfektes Gespann und wenn der Alleinherrscher kreativ, bärenstark, gebildet, weise und geistvoll ist, darf der Leser sich auf lesenswerte bis geniale Literatur freuen. Genau auf dieses erfolgreiche Duo zielen all die Tipps zur Planung und Ausarbeitung einer Geschichte! Allerdings bezweifle ich, dass diese Kombination besonders häufig ist. Viele, die den Despoten spielen, haben nicht diese brachiale Kraft, das gnadenlose Durchsetzungsvermögen und die nötige Skrupellosigkeit. Wahrscheinlich versucht sich jeder Autor anfangs als Diktator, vor allem, wenn er fleißig seine Ratgeber gelesen hat. Wenn allerdings dieser Weg nicht seiner Charakterstruktur entspricht oder er nicht stark genug ist, die Zügel pausenlos stramm zu halten und seine Figuren bei der geringsten Unbotmäßigkeit zu maßregeln, gerät er in ein echtes Dilemma. Dann gibt es nur noch drei Möglichkeiten: Den Anspruch zu reduzieren und sich auf Pappaufsteller oder wenigstens leicht zu bedienende Prototypen zurückziehen, die Schreiberei ganz und gar aufgeben oder sich auf die da draußen einlassen. Letzteres bedeutet, dem Despotismus ein für alle Mal abzuschwören, Eigeninitiative und Volksentscheide zuzulassen, Chaos und Niederlagen zu akzeptieren, die Kunst der Moderation zu erlernen ... kurz, ein echter und ehrlicher Demokrat zu werden. Es geht um weitgehende Selbstbestimmung der Charaktere und echte Basisdemokratie ... nicht so ein verlogenes Gemauschel von Parteien und Lobbyisten, wie wir es aus der Politik kennen. Ein Demokrat braucht andere Qualitäten als ein Diktator: Sinn für Gerechtigkeit, Toleranz, Zärtlichkeit, Überzeugungskraft, Vertrauen ... und die Fähigkeit, der Selbstverwirklichung der Charaktere notfalls zum Wohl der Vielen Grenzen zu setzen. Nein, ein demokratischer Autor hat es bestimmt nicht leichter als ein Despot ...
4. Gute BekanntePendants von Freunden, Verwandten und Bekannten sind ein wenig schwieriger zu handhaben als der Eigenbau, aber ein schlauer Herrscher kann mit ihnen fast genauso gut zurechtkommen, wie der Diktator mit seinen unfreien Geschöpfen. Es ist vor allem eine Frage von geschickter Auswahl und Kombination, Doping und maßvoller Verstümmelung, radikaler Abgrenzung und partieller Freiheit, bei der schließlich ein willfähriges Ensemble klar definierter Akteure übrig bleibt. Nur ein Verrückter würde sich auf den zugeknöpften Onkel Emil oder die stinklangweilige Tante Emma einlassen! Andererseits reicht es manchmal, auf dem Wäscheplatz Mäuschen zu spielen, um ganze Rudel skurriler Typen mit heim zu nehmen! Man denke nur an Fernsehserien wie „Picket Fances" oder „Desperate Housewives"! Ich finde, dass man mit den Abbildern realer Personen um so besser planen kann, je genauer man die Originale kennt ... und je präziser und fachmännischer man sie aufrüstet oder auf das Wesentliche reduziert. Ja, es gibt auch jede Menge Hybride zwischen fiktiven und vereinnahmten Personen, fließende Übergänge ... unterschiedliche Ausmaße des Despotismus bis hin zur sanften konstitutionellen Monarchie.
5. Die da draußenAus Sicht eines Despoten haben die da draußen nur schlechte Eigenschaften. Das fängt damit an, dass sie im schlimmsten Fall überhaupt nicht auftauchen. Der verzweifelte Autor mag noch so laut nach ihnen rufen, noch so gierig auf die kleinste Bewegung im Meer der verlorenen Seelen lauern ... wenn die da draußen ihn nicht mögen wird überhaupt nichts passieren. Natürlich wird der so brüskierte Schreiber dann irgendwann feststellen: „Das ist doch alles Schwindel! Es gibt da draußen gar nichts. Bleibt mir vom Acker mit eurem ganzen Mystizismus, euren geheimnisvollen Fremden und den verdammten Musen. Ich pfeife auf deren alberne Küsse! Schreiben ist Handwerk. Basta!“ Und er wird weiter seine mehr oder weniger fiktiven Personen und Handlungsstränge planen und mit zitternder Hand zu lenken versuchen. Ganz offensichtlich ist Ausweg Nummer drei für ihn versperrt. Wenn er sich beim Schreiben nicht auf Abbilder realer Personen beschränken will, bleibt nur noch, das Handwerk des Diktators zu erlernen ... und dafür sind die üblichen Schreibtipps allemal gut. Und wenn die da draußen den Autor beachten? Dann heißt das noch lange nicht, dass er ausgesorgt hat. Das eigentliche Problem ist, dass er seine Gäste am Anfang noch gar nicht kennt und dass sie sich außerdem ständig weiterentwickeln. Er muss sie in schwierige Situationen locken, sie beobachten, ihnen genau zuhören ... und ständig auf Überraschungen gefasst sein. Wie im wahren Leben ist auch in der fiktiven Welt nicht jeder das, was er auf den ersten Blick zu sein scheint. Harte Knochen entpuppen sich im Ernstfall als Sensibelchen, leichtfertige Partymäuse mutieren zu verantwortungsbewussten Anführerinnen und wehrlose Opfer entdecken irgendwann den Krieger in sich. Das Schlimme ist: Jedes Mal, wenn die da draußen eine neue Facette offenbaren oder einen bedeutenden Entwicklungssprung machen, muss der gebeutelte Autor selbst die rudimentärste Planung über den Haufen schmeißen, denn wenn er die neue Situation ignoriert, büßt er sofort das Vertrauen seiner Charaktere ein und die sitzen allemal am längeren Hebel. Wer mag schon Schreibblockaden? Man darf die da draußen auch nicht zu lange sich selbst überlassen. Sie leben auch, wenn man sie gerade nicht beachtet, reden, spielen, kämpfen, lieben ... und sind selten bereit, nach einer längeren Pause genau dort weiter zu machen, wo der Autor aufgehört hat. Es ist wichtig, ständig am Ball zu bleiben, sonst wird die Geschichte nie fertig. Andererseits melden sie sich auch, wenn sie sich vernachlässigt fühlen. Auf diese Weise sorgen sie dafür, dass alle Handlungsstränge ordentlich entwickelt und zu Ende geführt werden. Es gibt tatsächlich jenseits von Planung, Exposé und Fleißarbeit einen anderen Weg zur Ordnung: natürliches Wachstum. Wie ein Gärtner pflegt und hegt der Autor geduldig seine Akteure und ihre Geschichte, greift behutsam ein, wenn irgendein Unkraut allzu wüst loswuchert ... ärgert sich, wenn eine viel versprechende Pflanze eingeht, freut sich, wenn ein eher unauffälliges Kraut überraschend schöne Blüten trägt. Es ist immer wieder spannend und befriedigend, mit freien Charakteren auf eine abenteuerliche Reise zu gehen ...
6. Die wichtigsten FragenEin Autor sollte sich selbst ehrlich analysieren, herausfinden, welcher Typ er ist und welche Art Geschichten und Charaktere zu ihm passen. Dabei sollte er sich vor ideologischen Scheuklappen hüten. Ein Despot zu sein, mag im wahren Leben verwerflich sein ... beim Schreiben schadet er damit niemandem und für den Leser zählt nur das Ergebnis seiner Bemühungen. Wenn du also die Mentalität und das Zeug zum Alleinherrscher hast, dann sei es auch mit ganzem Herzen! Andererseits musst du nicht unbedingt den Diktator spielen, wenn das in Wirklichkeit gar nicht zu dir passt. Es wäre ganz schlimm, wenn das Schreiben eine Domäne autoritärer Typen wäre ... und außerdem lassen sich mit den Früchten guter Beobachtung auch nobelpreisverdächtige Geschichten basteln. Wenn du also lieber den sanften Herrscher spielen willst, ist das vollkommen in Ordnung. Ob du mit denen da draußen arbeiten darfst, hängt davon ab, ob sie Kontakt zu dir aufnehmen. Wenn das passiert, kannst du die üblichen Erfolgsrezepte getrost vergessen ... Und wenn du als Autor ein bisschen von allem bist – Despot, aufgeklärter Monarch oder Demokrat und Gärtner? Dann freu dich, dass du aus mehr als einer Quelle schöpfen kannst! Und vergiss nicht, wann du wen meilenweit heraushängen lassen musst ...
Fazit: Von allen Ratschlägen, mit denen man dich freundlich bedrängt, darfst du nur auf jene hören, die deiner eigenen Natur entsprechen ... und die gilt es erst einmal zu entdecken. Verzweifle nicht, wenn die gängigen Schreibtipps dir nicht weiterhelfen. Es gibt zwar mehrere Wege nach Rom, aber unter Umständen nur einen für dich. Finde ihn! Und sag mir bitte Bescheid, wenn es einer ist, den ich noch nicht beschrieben habe. Ich arbeite zwar am liebsten mit denen da draußen ... trotzdem bin ich verdammt neugierig, was es sonst noch so gibt. © 2005 by Anneliese Wipperling
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