Anneliese Wipperling Hilfe, Kritik!
Jeder, der schon einmal seine Schreibtischschublade geöffnet und seine wehrlosen Schätze fremden Augen zugänglich gemacht hat, kennt das mulmige Gefühl, das einen dabei unweigerlich beschleicht. Gleich wird der Freund, Kollege, Sachverständige oder Mächtige den Mund auftun und sein Urteil sprechen ... den Daumen heben oder senken. Ich glaube, dass selbst gestandene Profis diesen Augenblick zuweilen ausgesprochen unbehaglich finden. Manche lassen sicherlich ihre Sekretärin die Post vorsortieren: „Ach bitte, schmeißen Sie die negativen Kritiken doch in die Pappschachtel im untersten Schreibtischfach. Ich lese sie irgendwann, wenn ich nicht gerade mitten in einem Projekt stecke und den Kopf wieder für so etwas frei habe.“ Einige von ihnen entleeren vermutlich besagte Kiste ab und zu heimlich und ungelesen in den Papierkorb. Wer kann schon eine Schreibblockade gebrauchen ... Heißt das nun, dass Kritik prinzipiell schädlich ist? Ach, wenn es doch so einfach wäre!
1. Prähistorische Wurzeln
Musste ein Steinzeitmensch, der gerade seine ersehnte Jagdbeute in die Wand seiner Höhle ritzte, die Kritik anderer Jäger fürchten. „Hör mal, dein Hirsch hat unterschiedlich lange Beine. So ein Vieh gibt es überhaupt nicht. Nach so einer Missgeburt kannst du lange rufen. Die große Spenderin allen Lebens wird sie dir leider nicht schicken!“ Wer weiß ... vielleicht hat ja der eine oder andere Zeitgenosse tatsächlich gespottet. Aber da das Jagdglück nicht vom Geschick beim Malen abhing, zählte wohl einfach der gute Wille. Oder gab es damals schon die ersten Ansätze zur Berufskunst? Ist vielleicht der erfolglose Jäger zum geschickten Zeichner gegangen? „Du, mal mir mal ein Mammut! Du kannst das besser als ich und du kriegst auch ein ordentliches Stück von meiner Beute ab.“ Und der Liebende ist eventuell zu einem begabten Dichter gegangen und hat ihn gebeten: „Erfinde ein besonders großartiges Lied für die wunderschöne Tochter des Clanhäuptlings! Ich schenke dir dafür auch mein bestes Feuersteinmesser.“ Wir werden wohl nie herausfinden, wie das damals wirklich war. Aber wir wissen, dass viele Höhlenmalereien erstaunlich schön sind. Offenbar durfte oder wollte auch damals nicht jeder Stümper den Pinsel – oder was auch immer – schwingen ... Allerdings deutet nichts darauf hin, dass es in der Steinzeit hauptberufliche Kritiker gab. Jeder war am Nahrungserwerb beteiligt. Das Gemecker kam von den lieben Verwandten ... später sicher auch von Käufern gewisser Kultgegenstände. Eine Fruchtbarkeit spendende steinerne Göttin, die nicht über üppige weibliche Attribute verfügte, hielt jeder für machtlos und der Steinschnitzer blieb darauf sitzen, konnte sie nicht gegen andere nützliche Gegenstände eintauschen. Kritik war damals vermutlich eine sehr bodenständige Angelegenheit: brauchbar, mehr oder weniger machtvoll ... unnütz. Inzwischen hat sich die Menschheit gewaltig weiterentwickelt. Eine besondere Errungenschaft der Neuzeit ist, dass auf jeden Produzenten einer beliebigen Sache mindestens zehn Leute kommen, die seine Arbeit interpretieren, verwalten und bewerten. An jedem schöpferischen Künstler kleben diverse Wissenschaftler, Kritiker, Lektoren, Veranstalter von Wettbewerben, Kunsthändler, Juristen, Sammler, Auktionäre und weiß die heilige Entropie, was sonst noch. Wahrscheinlich verdienen sie ziemlich gut ... jedenfalls hört man öfter von Not leidenden Künstlern als von halb verhungerten Kritikern. Manchmal frage ich mich, ob das überhaupt gerecht ist. „Werden all diese Verwalter, Beurteiler und Henker nicht überbewertet? Sind die Leser, Zuhörer oder Betrachter von Bildern nicht selbst in der Lage, herauszufinden, was ihnen gefällt? Und was wird aus den diversen Päpsten, wenn es keine Künstler mehr gibt? Müssen die dann eventuell auf dem Bau arbeiten ... oder in einer stinkenden Chemiefabrik? Wäre irgendwie ganz lustig ...“
2. Die andere Seite der Medaille
Neulich las ich im Gästebuch einer Website für Autoren einen verzweifelten Aufschrei: „Hilfe! Ich arbeite schon seit acht Jahren an einem Roman und habe bisher nur schlechte Erfahrungen gemacht: Niemand will mein Buch haben. Bitte kann mir irgendein Autor sagen, was ich falsch mache?" Da ich zuweilen von einer ziemlich unpraktischen sozialen Ader geplagt werde, habe ich die Website der Briefschreiberin sofort aufgesucht und ... Verdammt! Das ist von vorn bis hinten so dilettantisch, dass ich so etwas nicht einmal unter einem besonders kryptischen Pseudonym ins Web gestellt hätte. Was mache ich nun mit der unglücklichen Möchtegern-Dichterin? Zumal in ihrem eigenen Gästebuch genug Süßholz von seelenverwandten und vermutlich ebenso dilettantischen Freundinnen gestapelt ist, um ihr mit Sicherheit den Weg zu jeder Art Selbstkritik zu verbauen ... Wenn ich ihr schreibe: „Weißt du, Begeisterung allein reicht leider nicht ... obwohl es natürlich schön ist, dass dir die Schreiberei so viel Spaß macht. Aber wenn du möchtest, dass das jemand druckt, müsstest du eine Menge ändern: zum Beispiel sämtliche Trivialliteratur beiseite packen, nur noch wirklich gute Bücher lesen, herausfinden, wie der Autor das gemacht hat ... dir ein bisschen Theorie und handwerkliche Fähigkeiten aneignen. Weißt du, deine Verse sind leider so grauenhaft, dass ich den Rest gar nicht mehr angeklickt habe ... ich bin nicht einmal in der Lage, dir zu sagen, ob du begabt bist.“ Mein soziales Gewissen sagt mir, dass ich der Frau aus ihrem Teufelskreis aus unverdienter Lobhudelei, Schrottproduktion und Verzweiflung heraushelfen sollte ... aber inzwischen weiß ich aus Erfahrung, dass eine aufgespießte Voodoopuppe von mir noch die harmloseste zu erwartende Reaktion sein wird. Es gibt nichts Gefährlicheres, als ein verletztes künstlich aufgeblasenes Ego. Offensichtlich ist Kritik (und Selbstkritik) doch wichtig ... zumindest in einem gewissen Maße. Menschen, die über längere Zeit kein ehrliches und sachkundiges Feedback erhalten haben, verhalten sich manchmal so ähnlich wie verzogene Kinder. „Ich will jetzt meinen Zucker und keine gemeinen Sprüche. Wääähh!“ Natürlich könnte ich die Kritik auch nett verpacken ... am Anfang irgendeine gelungene Kleinigkeit über den grünen Klee loben und dann ganz vorsichtig die kritischen Aspekte nachschieben. Womöglich gelingt es mir sogar, einen Wutausbruch zu verhindern oder wenigstens soweit abzumildern, dass ein paar sachliche Argumente durchdringen. Vielleicht kann ich sogar einen Entwicklungsprozess in Gang zu setzen und ... „Nein! Vergiss es ganz schnell!“ klopfe ich meinem verborgenen pädagogischen Selbst auf die Finger. „Du handelst dir nur Ärger ein und falls diese Frau wider Erwarten doch auf deine Argumente reagiert, braucht sie intensive Hilfe. Das kannst du nie und nimmer durchhalten, denn du hast ja deine eigenen Projekte! Außerdem lauern da noch die seelenverwandten verkitschten Freundinnen. Die wären von einer Veränderung überhaupt nicht begeistert. Vielleicht greifen die dann zur Voodoopuppe und ...“ Wie man sieht, haben auch Kritiker ihre Dilemmata und es kann durchaus sein, dass einigen von ihnen die Beurteilung genauso peinlich ist, wie dem gerüffelten Autor. Natürlich trifft das nicht auf jene zu, die gewohnheitsmäßig zum Hackebeilchen greifen ... aber dazu kommen wir später.
3. Also doch Süßholz für alle?
Ich behaupte einmal ganz frech, dass niemand Kritik wirklich mag. Wer etwas anderes behauptet, ist ein Heuchler. Jeder, der einen Fremden oder einen Freund nach seiner Meinung fragt, erhofft sich zunächst eine ordentliche Portion Süßholz ... obwohl häufig eine kleine hartnäckige Stimme tief im Inneren flüstert: „Bilde dir ja nicht ein, dass das wirklich gut ist! Schließlich hast du schon genug richtig gute Bücher gelesen und weißt, wie so etwas aussehen muss ... nee, du bist größenwahnsinnig! Weshalb fragst du die Leute überhaupt? Du weißt doch, dass du nicht damit umgehen kannst, wenn jemand deine Sachen verreißt, dass du dann wieder so eine hässliche Schreibblockade kriegst ... oder gar depressiv wirst, weil Schreiben und Leben keinen Spaß mehr machen." Ja, möglicherweise suchen wir alle nur nach einer Chance, den widerwärtigen kleinen Zweifler in uns zum Schweigen zu bringen und stattdessen ... plötzlich knallt uns jemand die unangenehmen Wahrheiten kiloweise auf den Tisch und unser destruktives zweites Ich jubiliert dazu in den höchsten Tönen. Oh Shit! Heißt das etwa, dass Kritik grundsätzlich etwas Schlechtes ist? Dass wir dem Zweifler in uns den Hals herumdrehen müssen, um endlich frei und selbstbewusst von Erfolg zu Erfolg schreiten zu können? Hochmut als alleinige Kraftquelle? Die Werke gewisser arroganter und selbstgerechter Schreiberlinge sprechen eine ganz andere Sprache. Das Beispiel oben zeigt, dass Süßholz eher schädlich als nützlich ist. Maßlose Lobhudelei legt sich wie ein zäher Film über die Wirklichkeit und erstickt den Autor. Er endet wie eine Fliege, die in ein Glas mit klebrigem Sirup geraten ist ... Es tut niemandem gut, wenn er gelobt wird, bevor seine Wertmaßstäbe und die Fähigkeit zur Selbstkritik ausgereift sind. Also ist Kritik grundsätzlich wichtig und gut? Sollte man immer auf sie hören und dann gelingen irgendwann auch die wunderbaren Bestseller? Nein, sie kann einen unerfahrenen Anfänger oder einen übersensiblen Visionär auch sehr leicht zerbrechen. Und wer kann im Ernst behaupten, empfindliche Menschen hätten den Vielen nichts zu geben? Sensibilität ist verdammt wichtig ... und die sollten Kritiker nicht nur für sich selbst reklamieren! Wer immer sich dazu aufschwingt, sollte nie vergessen, dass er es nicht nur mit Papier oder Bits sondern mit einem fühlenden menschlichen Wesen zu tun hat ... ja, ja! Ich weiß, dass das nur ein frommer Wunsch ist.
4. Guter Rat für den Autor?
Gewiss, jeder braucht ab und zu einen guten Rat. Niemand ist imstande, alle Weisheit der Welt ausschließlich durch eigene Überlegungen und Studien zu erlangen. Eigentlich müsste jeder Mensch seine Mentoren freudig und dankbar Willkommen heißen, aber das ist eher die Ausnahme. Warum Kritik vergleichsweise selten auf Gegenliebe stößt, verdient eine genauere Betrachtung. Erstes Problem: Viele Ratgeber sind in Wirklichkeit auch nicht schlauer oder erfahrener als diejenigen, denen sie ihre Weisheiten überstülpen wollen. Dahinter steckt manchmal gar keine böse Absicht. Es hat mit der momentanen subjektiven Wahrnehmung des Beraters zu tun. Wie oft habe ich schon gedacht, dass ich irgendetwas ganz genau weiß ... und dann musste ich mich doch irgendwann korrigieren. Es gehört viel Demut und Selbstdisziplin dazu, wie Mister Spock von der Enterprise zu sagen, dass man nicht genug Informationen hat, um einen Sachverhalt beurteilen zu können. Und leider hat der allseits beliebte Vulkanier uns nie wirklich verraten, woran er erkennen konnte, ob er alle Bausteine für seine hübschen Kausalketten beisammenhatte. Manchmal scheinen nämlich die Puzzleteile perfekt zu passen ... und dennoch ist das entstandene Bild zu klein, falsch oder es steht womöglich auf dem Kopf. Ich gehe davon aus, dass auch Vulkanier zu saftigen Irrtümern fähig sind und dass sie vermutlich besonders stur reagieren, wenn ihnen jemand sagt, dass ihre wunderbaren logischen Konstruktionen gar nicht funktionieren können. Die Schnapsidee von einer durch und durch emotionslosen Gesellschaft ist dafür ein gutes Beispiel. Aber ich bin vom Thema abgekommen. Es gibt noch mehr objektive Hindernisse für eine Verständigung zwischen Künstlern und Kritikern. Der Kritiker kann nicht voraussetzen, dass sein Gegenüber alles verstehen, einsehen und verinnerlichen kann, was er ihm aus bester Absicht zu vermitteln versucht. Die Lebens- und Schreiberfahrungen können so unterschiedlich sein, dass alles in einem üblen Wust aus Missverständnissen und gegenseitigen Unterstellungen endet. Und damit meine ich nicht nur den Dialog zwischen Anfängern und alten Hasen. Nein, auch Letztere können von ganz verschiedenen Weiden stammen und sich im Endeffekt ziemlich verständnislos anglotzen. Mir ist das mit einer alten Weggefährtin aus der DDR-Volkskunstbewegung passiert. Ich traf sie nach langer Zeit zufällig wieder und gab ihr stolz und freudestrahlend einige meiner neuesten Star Trek-Geschichten. Die Reaktion war unerwartet und niederschmetternd: „Wie kannst du nur so einen Blödsinn schreiben! Das versteht doch niemand! Dafür braucht man ein Diplom und was sollen bitte sehr ‚unsere Menschen‘ mit so etwas anfangen? Das ist doch alles nur erfunden! Da kann man gar nichts daraus lernen!“ Was soll ich sagen? Meine alte Freundin hat ihr Leben lang aus persönlichen Erlebnissen, Beobachtungen und aufgeschnappten Gesprächsfetzen kleine nette Alltagsgeschichten gebastelt ... durchaus geschickt und gescheit ... und in bestimmten Leserkreisen sehr beliebt. Sie ist nie auf den Gedanken gekommen, eine Figur oder einen Sachverhalt zu erfinden. Natürlich ist SF für sie das reiste Teufelszeug ... und Star Trek amerikanische Popkultur der übelsten Sorte, die ein echter Literat nicht einmal mit der Kohlenzange anfassen würde. Ihr werdet mir zustimmen, dass hier jeder weitere Dialog sinnlos ist. Ich kann die erfolgreiche Heimatdichterin nicht beurteilen oder kritisieren, weil wir in ganz verschiedenen Welten leben. Leider sieht sie das anders, was dazu geführt hat, dass jetzt auch auf menschlicher Ebene absolute Funkstille herrscht. Schade! Aber auch, wenn beide auf der gleichen Wellenlänge liegen, kann der Dialog zwischen Autor und Kritiker recht ungemütlich werden. Ein Künstler muss sein Werk – auch wenn es nicht vollkommen ist – zunächst verteidigen. Er kann nicht beim kleinsten Widerspruch einknicken und selbst wenn er die Mängel seiner Geschichte einsieht, muss er eigene Wege finden, um sie zu beheben. Deshalb wird er – sofern sein Stolz intakt ist – konkrete Verbesserungsvorschläge zurückweisen. Kritiker, die ein Buch umschreiben wollen verdienen nur eine Antwort: „Hör zu, das ist meine Welt! Und wenn du so tolle Ideen hast, solltest du selber Geschichten schreiben und nicht in meinen herumpfuschen. Du weißt doch gar nicht, was ich gesehen, gehört und empfunden habe.“ Eine gute Freundin sagte mir einmal, die schlimmsten Kritiker wären Leute, die selbst auch schreiben würden. Sie würden meist erwarten, dass alle Geschichten wie ihre eigenen wären. An dieser Stelle habe ich heftig geschluckt und überlegt, ob ich auch ab und zu so ein narzisstisches Monster bin. Ja, ich muss mich anstrengen, um fremde Konzepte wie meine eigenen akzeptieren zu können ... und manchmal kann ich auch nur sagen: „Das mag ja sehr gut sein ... aber ich würde es nicht freiwillig lesen.“ Ich habe leider immer weniger Geduld mit beschaulichen, allzu detailverliebten und mit zweifelhaften Weisheiten vollgestopften Texten. Dabei habe ich so etwas früher auch ganz gern gemocht ... und ich weiß nicht einmal, wann und warum sich mein Geschmack so radikal geändert hat. Wahrscheinlich hängt es mit der Wende, neuer Lektüre und einer veränderten Lebenswirklichkeit zusammen. Ob das gut oder schlecht ist, weiß ich nicht. Auf jeden Fall ist Kritik austeilen und annehmen immer eine äußerst heikle Angelegenheit.
5. Destruktive Zeitgenossen
Der Redakteur eines viel gelesenen Magazins schrieb mir neulich auf eine harmlose und keineswegs arrogant gemeinte Bemerkung über interessante technische Möglichkeiten zur Verhinderung von Datenklau im Web Folgendes: „Es gibt Autoren, die Angst haben, ihre Geschichte oder Idee würde geklaut werden können. Das ist völlig unbegründet! Für einen Autor stellt seine Geschichte natürlich einen persönlichen Wert dar und man möchte generell keine Dinge verlieren, die einem etwas bedeuten. Für Fremde ist dieser persönliche, subjektive Wert nicht vorhanden. Geschichten gibt es jedoch wie 'Sand am Meer'. Deswegen hat leider keine der Geschichten einen objektiven Wert. Das ist auch der Grund, warum Autoren, selbst wenn sie bei einem Verlag einen ganzen Roman verlegen, kaum entlohnt werden. Und bei Ideen ist das nicht anders. Genau genommen folgen die meisten Geschichten (selbst die erfolgreichen) bekannten Grundmustern." Autsch! Was für ein übler Rundumschlag! Das ist nicht einmal Kritik sondern ein Holocaust an allen Schreibenden. Wer das ernst nimmt, kann seinen Computer sofort einmotten und sich statt dessen der Zucht von Radieschen oder Rennmäusen widmen. Die Schriftsteller der Welt als Herde nutzloser stumpfsinnig wiederkäuender Egomanen? Heißt das, dass es keine ehrliche kreative Arbeit mehr gibt ... keinen Dienst am Leser ... keine für die Vielen wichtigen Inhalte ... kein Schöpfertum? Sind etwa alle Geschichten gleich gut oder schlecht, neuartig oder angepasst? Seit wann haben innovative Ideen keinen Wert mehr? Wieso wurde dann erst vor kurzem das Urheberrecht verschärft? Um dumme selbstverliebte Einzelgänger und ihre albernen Sprüche zu schützen? Und seit wann ist die Bezahlung ein Maßstab für den Wert eines Kunstwerks? Natürlich weiß jeder gut informierte Autor, dass es nur wenigen vergönnt ist, mit Schreiben ihren Lebensunterhalt verdienen zu können ... aber mindert das automatisch das Recht auf den Schutz des geistigen Eigentums? Könnte es nicht sein, dass eine gute Geschichte zu einem späteren Zeitpunkt doch noch die verdiente Anerkennung bekommt? In der Vergangenheit war das recht oft der Fall und auch in der Gegenwart richtet sich nach der ‚Entdeckung' eines Autors das allgemeine Interesse auch auf seine früheren Arbeiten. Was veranlasst überhaupt einen Redakteur, der sich die Förderung von Talenten auf die Fahne geschrieben hat, zu so einer radikalen Meinungsäußerung? Da ich besagten Mann nie persönlich getroffen habe, kann ich nur spekulieren ... Möglicherweise ist dieser Mensch verbittert, weil er selbst auch einmal große Pläne hatte und enttäuscht feststellen musste, dass sich nichts davon verwirklichen ließ. Damit teilt er das Schicksal vieler Leidensgenossen ... aber gibt ihm das das Recht, auf den Hoffnungen anderer herumzutrampeln? Einige Unsitten aus dem so genannten Fandom – ganz speziell seiner Internetsparte – sind nur möglich, weil das ganze Genre wegen der Urheberrechte der Produzenten gewisser angebeteter Fernsehseirien in einer rechtlichen Grauzone operiert. Ich bin zwar keine Juristin, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es für eigenständige Schöpfungen durchaus einen rechtlichen Schutz gibt. Nicht umsonst finden sich auf so vielen Literaturseiten ausdrückliche Hinweise zum Copyright ... und merkwürdigerweise auch im Magazin besagten Redakteurs, was ich angesichts seines destruktiven Feldgeschreis nicht nur ein bisschen schizoid finde ... Es könnte jedoch auch sein, dass besagter Mann den schöpferischen Prozess gar nicht aus eigenem Erleben kennt. Sonst würde er nicht so leichtfertig behaupten, dass die meisten Geschichten nur bekannten Grundmustern folgen. Das kann und muss man – wie ich in meinem Essay ‚Alles nur geklaut?‘ versucht habe, wesentlich differenzierter betrachten. Natürlich gibt es gerade in der technisch orientierten SF Tendenzen zum ausufernden Herumspielen mit längst bekannten Ideen ... was leider zuweilen auf ziemlich unliterarische Weise geschieht. Es gibt objektive Gründe, wegen denen die SF von Literaturkritikern immer noch ziemlich schief angeguckt wird. Begrenzte Genreerfahrungen können jedoch keinesfalls auf den gesamten Literaturbetrieb übertragen werden! Eine andere mögliche Erklärung: Das kleine Redaktionsteam macht seinen Job schon etliche Jahre ... hat selbst zu wenig kritisches Feedback erhalten, hält sich inzwischen für unfehlbar und allmächtig. Schreiberlinge, die sich mausig machen (sprich: Sich arroganterweise für Schriftsteller halten) müssen beizeiten geduckt werden. Wer intensiv über das Copyright für seine Geschichten nachdenkt, ist per Definition größenwahnsinnig. „Was bildet ihr euch eigentlich ein!" erklärt die Redax genüsslich. „Denkt ihr etwa, ihr habt bessere Chancen als wir? Denkt ihr, ihr seid irgendwie besser als irgendwer sonst? Denkt ihr, die Welt interessiert, was in euren durchschnittlichen Köpfen so herumwabert? Na bitte! Also haltet ab sofort die Klappe und seid uns bitteschön dankbar, wenn wir euren mittelprächtigen Käse ungelesen in irgendeine Rubrik stopfen." Ja, da ist vermutlich mental einiges aus dem Ruder gelaufen! Zum Glück ist solchen Leuten niemand mehr auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Solange es diese unglaubliche Freiheit im World Wide Web gibt ... Möge in den nächsten hundert Jahren niemand daran rütteln! Und mögen die selbstgerechten Redakteure mit genau jenem geistlosen Müll zugeschüttet werden, den sie überall zu entdecken glauben! Ja ich weiß: Dieses Beispiel ist extrem ... aber destruktive Nörgler tummeln sich überall. Immer, wenn euch ein Vorwurf besonders hart trifft – wenn ihr ihn mit gutem Grund für gänzlich unsachlich haltet – solltet ihr nach den Motiven des Kritikers fragen, nach seiner Vorgeschichte und nach den Wunden, die ihm das Leben möglicherweise zugefügt hat ... was ihn so ungerecht und zynisch gemacht hat. Es ist euer gutes Recht, euer Selbst zu schützen und die Bürde des Anderen zurückzuweisen. Ihr werdet im Laufe der Zeit noch genug eigene Traumata verarbeiten müssen. Lasst euch nicht von destruktiven Miesmachern unterkriegen! Die Kunst lebt. Sie ist ein unverzichtbarer Bestandteil des Menschseins.
6. Henker und andere Sadisten
Es gibt Leute, die für ihr Leben gern andere kritisieren, ihre Fehler genüsslich – und möglichst öffentlich – zelebrieren und so gut wie nie ein freundliches Wort für eine gelungene Leistung finden. Wahrscheinlich weiden sie sich am Schmerz ihrer Mitmenschen ... oder an der Macht, die sie über deren Lebensfreude haben. Es sind die typischen Sadisten ... auch wenn ihr Sadismus keine sexuelle Komponente aufweist. Man findet sie überall: in Schulen und Ämtern, unter Nachbarn, in Schreibzirkeln ... und natürlich auch unter den Verwaltern und Beurteilern von Kunst. Sadismus ist eine Charakterorientierung, gegen die selbst Psychiater ziemlich machtlos sind. Da solchen Typen nicht wirklich lernfähig sind, sollte man ihnen tunlichst aus dem Weg gehen ... und sich, wenn das nicht möglich ist, mit vulkanischer Meditationstechnik gegen ihre üblen Praktiken wappnen. Im schlimmsten Fall muss man das Hackebeilchen halt ertragen und versuchen, das verspritzte Blut nicht allzu ernst zu nehmen. Ich erinnere mich an eine Arbeitsgemeinschaft junger Autoren zu DDR-Zeiten. Ihr großer Guru pflegte jede ihm vorgelegte Arbeit mit leiernder hässlich quäkender Stimme vorzulesen, bevor er sich akribisch ans auseinander Pflücken machte. Ich erinnere mich immer noch daran, wie qualvoll es war, meine sorgfaltig ausgefeilten Metaphern und Wortmelodien auf diese Weise ertragen zu müssen. Besagter Henker hielt das übrigens für Gerechtigkeit. Nur so wären alle Mitglieder der Gruppe gleich und man könne auch die Lunker viel leichter erkennen. Als wenn der Wortklang nicht untrennbarer Bestandteil eines jeden Gedichts oder sorgfältig gestalteten Prosawerks wäre! Ich bin mir ziemlich sicher, dass besagter Herr jedes Mal viel Freude an den betretenen Gesichtern von uns Neulingen hatte ... dass er unsere Bemühungen absichtlich schrumpfen ließ, um uns zu unterwerfen und nach seinen Vorstellungen zu formen. Ich habe es in seinen Augen gesehen und bin irgendwann weggeblieben, als ich endgültig begriffen hatte, dass man gegen den Guru nicht kämpfen konnte. Dazu war ein zu prominent und mächtig ... Unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit – einer höchst abstrakten Größe – verbergen sich recht oft mehr oder weniger subtile Gemeinheiten. Und die Ausrede, man wolle den jungen Autor nur auf die Härten des Künstlerlebens vorbereiten, kann ich schon lange nicht mehr hören. Was nützt mir der schickste Panzer, wenn darunter alles zertreten und ausgebrannt ist? 7. Rangordnungskämpfe und Scheingefechte
Künstler schließen sich gern in Gruppen und Vereinen zusammen. Sie brauchen die regelmäßige Diskussion mit Gleichgesinnten wie ein Fisch das Wasser und außerdem ist es nützlich, seine Arbeiten kompetenten Leuten zu zeigen oder vorzulesen, bevor man sich an die prominenteren Experten wagt. Man kann miteinander schwatzen, saufen, Picknick machen ... sich gegenseitig besuchen ... Erfolge und Geburtstage gemeinsam feiern. Die Unterschiede zwischen Zirkeln schreibender Arbeiter, kreativen Fanklubs, Laienspielgruppen und Malervereinigungen sind nicht so groß, wie mancher glaubt ... Meine Erfahrungen mit insgesamt drei derartigen Gruppierungen lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Ja, ich habe dort einige sehr gute Freunde kennen gelernt und viele anregende Stunden mit ihnen verbracht. Leider erwiesen sich nicht alle Beziehungen als stabil. Sobald es um Veröffentlichungen – den Platz an der Futterkrippe – oder die Rangordnung innerhalb der Gruppe geht, kann es passieren, dass aus wunderbaren Gesprächspartnern urplötzlich Fressfeinde werden. Nein, nur die wenigsten sind bereit, eine Chance mit anderen zu teilen. Mit der Wende ging der (zum größten Teil wohl nur verordnete) kollektive Geist ganz schnell den Bach herunter ... Wenn so eine Gruppe einen offiziellen Leiter hat, und er deutlich höher qualifiziert ist als der Rest, gibt es nur die üblichen Querelen, die jeder aus seiner Schulzeit kennt. Seelenverwandte Hätschelkinder und attraktive Personen des jeweils passenden Geschlechts werden gnadenlos vorgezogen, außerdem all jene, mit denen man vor Obrigkeiten und bei Wettbewerben punkten kann ... Alle Übrigen sind Fußvolk, das je nach Persönlichkeit des Chefs mehr oder weniger anständig behandelt wird. Wenn in einer Stadt mehrere derartige Gruppen miteinander konkurrieren, kann es sogar ganz nett werden, weil jeder Zirkelleiter seine Leute halten möchte. Schließlich wird er nur bezahlt, wenn er genug Leute um sich scharen und Erfolge vorweisen kann. Für manche DDR-Autoren war die Zirkelleitertätigkeit eine der zuverlässigsten Einnahmequelle. Die Art der Kritik hängt vom Temperament des Chefs ab und schwankt zwischen cholerischem Geschrei und leisetreterischer Kuschelpädagogik. Man gewöhnt sich irgendwann daran und der gemeinsame Stallgeruch überdeckt am Ende die meisten Differenzen. Weniger ranghohe Mitglieder der Gruppe sind übrigens besomders höflich und vorsichtig bei der Beurteilung der Texte ihrer Kollegen ... was uns zu einem weiteren Problem führt. In jeder Gruppe – egal ob mit oder ohne Chef – gibt es Mitglieder, die wie Heiligtümer behandelt werden. Sie zu kritisieren, ist ein Sakrileg, für das man lange büßen muss. Sie bekommen selbstverständlich bei Lesungen und in Anthologien deutlich mehr Raum, als alle anderen. Der Status einer Zirkelikone hat nicht immer etwas mit der Qualität ihrer Arbeit zu tun. Manche sind so lange dabei, dass sie zum Inventar mutiert sind, an dem nicht mehr gezweifelt wird ... andere sind Hätschelkinder des Zirkelleiters oder irgendwelcher einflussreichen Persönlichkeiten. Mich hat so etwas immer heftig geärgert. In freien Gruppierungen sind die Konkurrenzkämpfe häufig schamloser und sehr viel heftiger. Es gibt keinen qualifizierten Kern der Gruppe, was zu noch mehr Willkür bei der Förderung oder Behinderung Einzelner führt. Kritik und Lob werden fast nur nach Gutdünken und nicht nach fachlichen Gesichtspunkten verteilt. Ich denke inzwischen, dass die meisten Gruppierungen viel zu groß sind. Zwei oder drei (maximal fünf) Leute, die sich wirklich emotional und von den Ansichten her nahe stehen, können gemeinsam viel bewegen. Bei dieser Größenordnung ist Kritik eher ein intimes freundschaftliches Gespräch, man kennt sich sehr genau ... jeder braucht jeden, sodass sich keine ‚Unterschicht' und keine ‚Ikonen' bilden können. Seit einigen Jahren genieße ich so eine freundliche kleine Gemeinschaft ... Ja, ich denke, ich habe endlich das richtige Umfeld gefunden ...
8. Und der Verbraucherschutz?
Die meisten professionellen Kritiker berufen sich darauf, dass ihre Arbeit wichtig für Leser, Kinobesucher, Gemäldesammler usw. ist. Schließlich soll der arme Konsument vor dem ganz schlimmen Schund bewahrt werden. Er braucht Rat und Hilfe um sich nicht im Gestrüpp eines Überangebots an Bildern, Filmen und Büchern zu verheddern. Ach ja, Geschichten gibt es wie Sand am Meer und es ist gegenüber der allgemeinen Autorenverunglimpfung meines ‚Lieblingsredakteurs‘ schon ein gewaltiger Fortschritt, wenn sich jemand die Mühe macht, einige von ihnen gründlich zu lesen und jene, die ihm gefallen weiter zu empfehlen. Ja, so etwas beeinflusst auch mich bei meinen Kaufentscheidungen ... allerdings achte ich inzwischen sehr darauf, von wem die Einschätzung stammt. Manche Zeitungen verreißen grundsätzlich alle SF- und Katastrophenfilme, andere hassen Rockkonzerte und ich kenne einen ansonsten sehr netten Buchversand, der nur Bücher anpreist, die so kryptisch geschrieben sind, dass selbst ich sie als viel zu anstrengend empfinde. Ab und zu kann ich meine Fehlkäufe an begeisterte Bildungsbürger verschenken, aber einiges schimmelt immer noch halb gelesen in meinem Bücherregal. Nein, auf diese Koryphäen werde ich nie wieder hören! Andererseits haben sich Sachbücher, die von der ‚Bild der Wissenschaft‘ angepriesen wurden, jedes Mal als wahre Quellen der Erleuchtung erwiesen. Es würde mich freuen, wenn die Heißsporne der Branche endlich den Schaum von den Lippen wischen und die Leser kompetent, sachlich und einfühlsam aufklären würden. Niemand braucht nämlich ihre Hackebeilchen, Vorurteile und Profilneurosen. Der Leser möchte doch nur wissen, ob ein Buch oder ein Film zu ihm passt, ob es spannend und unterhaltsam ist ... oder eher nachdenklich und schwer. Er möchte erfahren, ob die Umsetzung des Stoffes gelungen ist ... und dass man ihn vor echten Lunkern und Missgriffen warnt. Ja, manche Kritiken sind ganz zutreffend, obwohl sie die beteiligten Künstler nicht immer erfreuen können. Aber solange alles begründet und nicht einseitig oder beleidigend formuliert ist, habe ich nichts einzuwenden. Und wenn es mein Buch beträfe? Tja, dann stehe ich wieder auf der anderen Seite des Tresens und es gilt selbstverständlich, was ich weiter oben geschrieben habe ...
Fazit:
Kritik ausüben und ertragen ist immer eine heikle Sache. Soll man nun als Autor darauf hören oder eher nicht? Die Praxis zeigt, dass rückgratlose Menschen auch nicht erfolgreicher als eingebildete sind. Ja, das ist wieder einmal eine Gratwanderung ... wie so vieles andere im Leben auch.
© 2006 by Anneliese Wipperling
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