Anneliese Wipperling

Schwere Literatur

Schwere Literatur? Ich kenne ausgesprochen kluge und sensible Menschen, die schon bei dem bloßen Gedanken daran erhebliche Fluchtreflexe zeigen. Ich frage mich, was mit ihnen passiert ist, wer sie so sehr traumatisiert hat, dass ihnen jegliche Neugier abhanden gekommen ist ... und leider auch der ganz normale sportliche Ehrgeiz. Immerhin stärkt es das Selbstbewusstsein gegenüber gewissen selbstgerechten Bildungsbürgern beträchtlich, wenn man locker einwerfen kann: „Dostojewski? Klar habe ich den gelesen, manches sogar mehrmals. Eigentlich war das gar kein Problem für mich. Ich verstehe nicht, was daran schwer sein soll ... okay, einige der Charaktere sind ziemlich schräg, manchmal beinahe wie Aliens ... aber ich fand gerade das faszinierend.“
Manch einer wird angeekelt kontern, dass er diese Art Geprotze nicht nötig hätte, ihm all die albernen weltfremden Ästheten sowieso schnuppe wären und ihm seine bodenständigen Freunde völlig reichen würden. Ja, das ist ein ziemlich gutes Argument.
Andererseits, wenn manche Leute sich so sehr für bestimmte Bücher begeistern ... irgendetwas könnte vielleicht doch dran sein. Oder haben die sich womöglich eigens zu dem Zweck verbündet, weniger komplizierte Seelen zu verunsichern? Oder um unter sich zu bleiben ... sich vom gewöhnlichen Volk abzugrenzen?
Die konkrete Wahrheit kann man schwer herausfinden ... eigentlich nur, indem man sich auf das eine oder andere dieser schwer verdaulichen und ungewohnt gewürzten Monstren einlässt und sich eine eigene Meinung bildet. So lange die Zähne scharf sind und der Magen robust genug ist, kann eigentlich nichts Schlimmes passieren ...
Gut, es ist natürlich ganz allein die Entscheidung des Lesers! Schwere Literatur: ja, nein, jein ... weiß nicht? Bloß ... kann man das überhaupt so pauschal entscheiden? Womöglich gibt es ja ganz verschiedene Sorten von schwierigen Büchern? Und manche von ihnen sind gar nicht so übel, wenn man sie näher kennt ...
Sicher, manch einer fragt sich, warum es die Autoren ihren Lesern so schwer machen. Wollen sie beweisen, wie hoch sie über dem Durchschnittsmenschen – wen immer sie dafür halten – stehen? Ist das ganze komplizierte Zeug womöglich nur Spielerei? Oder können die Dichter aus irgendeinem geheimnisvollen Grund gar nicht anders, als uns mit diesem kryptischen Geschreibsel quälen? Hmmm, das verdient eine nähere Untersuchung!



1. Es geht nicht immer nur um den Leser

Warum ist ein Mensch kreativ? Sicher nicht nur, um anderen zu imponieren oder viel Geld zu verdienen. Dagegen spricht einiges: Es gibt zum Beispiel Dichter, die sich gar nicht nach einer Veröffentlichung drängeln ... die zu empfindlich, uneitel oder pessimistisch sind, um die Ochsentour durch die Vorzimmer diverser Verlage und Lektoren auf sich zu nehmen. Dennoch können sie die Finger nicht von der Tastatur ihres Computers lassen. Sie machen einfach weiter, obwohl keinerlei Aussicht auf Ruhm oder Geld besteht. Andere Autoren schreiben Bücher, bei denen sie sicher sein können, dass ein Großteil der Leser sich darüber ärgern wird. Wieder andere bekämpfen das Establishment, die Regierung oder ihre Gesellschaftsordnung und verbauen sich so jeden finanziellen Erfolg. Tja ... und dann gibt es noch die Ästheten und Forscher, die vollauf damit beschäftigt sind, die Möglichkeiten ihrer Muttersprache zu erkunden und neue unberührte Pfade zu suchen ...
Ein Autor, den nur die kommerzielle Seite seiner Arbeit interessiert, wird zwangsläufig irgendwann von der Inspiration verlassen, weil er bei jeder Szene und jedem Dialog darüber nachdenken muss, wie das wohl bei seinen Kunden oder seinem Lektor ankommen wird. Er muss seine Geschichten immer wieder knebeln und verstümmeln ... landet irgendwann bei den üblichen Klischees und verliert so den Bezug zu seiner eigenen Mitte.
Ein Autor, der es sich leisten kann, seine Leser völlig zu ignorieren – oder der glaubt, dass ihm das zustehen würde – wird sich vielleicht eines Tages im Dickicht seiner eigenen komplizierten Gedankengebäude und Wortspielereien verlieren. Dann können nur noch Leute mit ähnlichen Ambitionen und vergleichbarer Bildung etwas damit anfangen ... eventuell sogar nur der Autor selbst. Am Ende dieses Weges wird seine Arbeit sinnlos, weil niemand sie wirklich braucht.
Wer mich kennt, weiß, dass mir Fundamentalismus jeder Art zuwider ist. Ja, ich denke, dass es vernünftig ist, sich einen Weg zwischen beiden Extremen zu bahnen. Ganz ohne Publikum macht die ganze Schreiberei wenig Sinn ... andererseits ist der Autor auch nicht der Sklave seines Lesers und nicht verpflichtet, alles in mundgerechte Stücke zu hacken und ihm vorgekaut in den erwartungsvoll aufgesperrten Rachen zu werfen. Ich finde, es steht ihm zu, vom Leser ein kleines bisschen Entgegenkommen und Mühe zu erwarten ...



2. Traditionalisten und Vordenker

Eine Kultur lebt, solange sie sich verändert und weiter entwickelt. Die Kunst braucht ständig neue Impulse, sonst wiederholt sie sich nur noch, verkümmert und stirbt irgendwann ab. Andererseits ist es wichtig, Traditionen und bisher gewonnene Erkenntnisse davor zu bewahren, dass sie von übereifrigen Revoluzzern vernichtet werden. Gleichgültig, ob es sich um Malerei, Musik, Tanz oder Dichtkunst handelt: Die Avantgarde ist ebenso wichtig, wie die konservativen Bewahrer der Tradition. Zwischen beiden Polen besteht ein dynamisches Gleichgewicht und auch wenn sich das zuweilen unter dem Druck äußerer Umstände in der einen oder anderen Richtung verschiebt ... solange sich noch etwas bewegt, besteht kein ernsthafter Grund zur Sorge. Unter diesem Aspekt ist es ziemlich unverantwortlich, nur nach leicht verdaulicher, traditioneller Kost oder kühnen Experimenten zu verlangen.
Die Mehrzahl der Autoren bewegt sich im Mainstream und bedient den momentanen Geschmack und Zeitgeist, andere scheinen Zeitreisende aus der Ära Goethes oder Fontanes zu sein. Sie mögen die Moderne mit ihrer hektischen Betriebsamkeit, ihrem Zynismus und ihrer technokratischen Kälte nicht und flüchten sich in die scheinbar heilere Welt der Vergangenheit. Wieder andere scheinen wie die Wahrträumer der Turuska die Zeitlinie verbiegen zu können. Sie schreiben Geschichten, die heute kaum jemand versteht, weil sie auf ein zukünftiges Publikum zielen ... der Nachruhm ist ihnen zwar sicher aber leider sterben sie häufig bettelarm. Es ist schwer, vorauszusagen, welche Autoren man auch in hundert Jahren noch kennen und verehren wird ... und welche wie Homer oder Shakespeare beinahe ewig leben werden. Aber es ist interessant, gegenwärtige Literatur auf ihre Allgemeingültigkeit hin zu prüfen, nach Innovation und Weitblick zu fragen ... in ihr Antworten auf heutige und zukünftige Fragen zu suchen.
Aber nicht nur die Inhalte können progressiv oder konservativ sein ... das Gleiche gilt auch für die Sprache. Den meisten Autoren macht es Spaß, bestimmte Möglichkeiten auszuloten, Grenzbereiche zwischen verschiedenen Genres zu erforschen ... Varianten von Kälte und Hitze, asketischer Strenge und üppiger Bildhaftigkeit auszuprobieren. Zu allen Zeiten und in allen Künsten wurde und wird mit der Form experimentiert ... sehr zum Ärger oder zur Freude des Publikums. Und man kann immer wieder beobachten, wie bestimmte Erfindungen vorangetrieben und bis zur Schmerzgrenze ausgereizt werden ... und dass das Neue wieder ein Stück zurückgenommen wird und sich irgendwann auf einem allgemein verständlichen Level einpegelt.
Nur ein Beispiel: Der kolumbianische Autor Gabriel García Marquez hat in seinen Romanen und Erzählungen ganz offensichtlich mit der Bildhaftigkeit der Sprache experimentiert. Er bewegt sich virtuos in einem Grenzbereich zwischen Lyrik und Prosa. Mit „Hundert Jahre Einsamkeit" ist ihm schließlich die perfekte Synthese gelungen. Aber Marquez war viel zu neugierig, um jetzt aufzuhören. Er wollte vermutlich herausfinden, wie weit man gehen kann, ohne den Kontakt zur Mehrheit der Leser zu verlieren und verschob im „Herbst des Patriarchen" das Gleichgewicht mutig noch weiter in Richtung Lyrik. Herausgekommen ist ein hochinteressantes Buch ... aber eins, bei dem wohl nur Liebhaber surrealistischer Gedichte wirklich auf ihre Kosten kommen. Marquez ist danach wieder zur realistischeren Schreibweise von „Hundert Jahre Einsamkeit" zurückgekehrt.
Ich ahne, was ihr jetzt denkt: „Was geht uns das eigentlich an? Solche Spielereien waren noch nie unser Ding. Wir interessieren uns vor allem für den Inhalt einer Geschichte ... und wir mögen nun mal keinen Stress beim Lesen.“
Ich verstehe das ... dennoch wäre es besser, wenn angehende Autoren diese Haltung wenigstens teilweise überdenken würden. Sie brauchen von Berufs wegen einen weiteren Horizont und einen analytischen Blick auf das, was andere geschrieben haben. Ja, sie müssen das Verbotene tun, dem innig geliebten Teddybär den Bauch aufschneiden und nachsehen, womit er ausgestopft ist. Sie sollten bei der Gelegenheit auch gleich den Schnitt, die Nähte und das Fell studieren ... dann werden sie schnell herausfinden, wie man einen anderen Teddy, ein Pferd oder sogar ein Einhorn bastelt. Wer immer meint, dass sich das nicht gerade nach unbeschwertem Lesevergnügen anhört ... ich kann ihn trösten. Teddybären sezieren kann riesigen Spaß machen und außerdem ist die Pflicht zum Schnippeln der Preis dafür, dass man jetzt auf der anderen Seite des Tresens steht ...



3. Was heißt eigentlich schwer?

Manche besonders heftig traumatisierte Opfer pingeliger Deutschlehrer setzen schwere Literatur einfach mit Weltliteratur beziehungsweise E-Literatur gleich. Sie wollen nie wieder darüber nachdenken müssen, was der Dichter dem unglückseligen Schüler mit seinem Werk sagen wollte ... und vergessen dabei, dass ein Autor beim Lesen ganz andere Fragen, als ein Lehrer stellt. Er fragt eher selten nach dem was und warum ... und schon gar nicht nach irgendwelchen standardisierten Interpretationen, bei denen dem vergewaltigten Schöpfer der Geschichte vermutlich die Haare zu Berge stehen würden. Nein, ein Autor will wissen, wie es gemacht ist ... welche Kunstgriffe den Leser fesseln und ihn lachen oder weinen lassen ... womit wir wieder bei dem Teddybär sind. Der andere Autor ist ein geschätzter oder verabscheuter Kollege, an dem man sich misst oder reibt ... und von dem man möglicherweise das eine oder andere lernen kann.
Niemand ist in der Lage, alle Veröffentlichungen eines Jahres zu lesen ... auch nicht alle Wichtigen. Ein nebenberuflicher Autor braucht seine karge Freizeit – da gibt es ja noch Arbeit, Weiterbildung und Familienpflichten – vor allem zum Schreiben. Er sollte sehr sorgfältig solche Lektüre auswählen, die ihm weiterhilft ... an der er wachsen kann. Vorurteile sind da eher hinderlich und eine Beschränkung auf literarisches Fast Food verhindert zuverlässig, dass er je ein Gefühl für den sensiblen Umgang mit der Sprache entwickeln kann. Wer sich ein Leben lang von Tütensuppen ernährt, taugt auch nicht zum Gourmetkoch. Also nichts wie ran an die anspruchsvollen Bücher! Es wird mit Sicherheit nur halb so schlimm, wie ihr denkt. Versprochen!
Am einfachsten ist es, den eigenen Bedarf genau zu analysieren, das Problem in seine Bestandteile zu zerlegen und dann zu entscheiden, was wichtig sein könnte und was eher nicht. Ein simples Beispiel ist: Jemand, der ausschließlich Romane schreiben möchte, muss sich nicht intensiv mit Sachbüchern, Gedichten oder Theaterstücken auseinander setzen.
Aber es gibt noch andere Möglichkeiten, zu differenzieren, denn das etwas diffuse Attribut schwer kann sich auf alles Mögliche beziehen: komplizierte Charaktere, innovativen Tiefsinn, schwierige Handlung, fremdartige Schreibweise oder absichtlich abgehobene kryptische Sprache. Ich versuche, das nach bestem Wissen und Gewissen zu systematisieren.



4. Ausländer und Aliens

Ausländische Literatur spielt erfahrungsgemäß im Deutschunterricht nur eine untergeordnete Rolle und nicht alle Sprachlehrer kümmern sich so liebevoll wie nötig um die Dichter ihres Lehrfachs. Außerdem ... die meisten Schüler lernen nur Englisch und Französisch. Mit Briten und Franzosen haben wir jedoch weniger interkulturelle Schwierigkeiten als zum Beispiel mit Mongolen oder Ägyptern. Sicher empfindet das jeder ein wenig anders und ein Fachmann kann da viel besser als ich Auskunft geben ... andererseits bin ich schon mehrmals auf Bücher gestoßen, die allein wegen ihrer Fremdartigkeit schwierig zu lesen waren. Zumindest muss man damit rechnen, in einem Buch, das aus einem anderen Kulturkreis kommt, auf überraschende Inhalte und ungewohnte Stilmittel zu stoßen. Die von mir angeführten Beispiele sind nur ein winziger Ausschnitt aus einer riesigen Palette ...
In der russischen Literatur kommen einem zum Beispiel die Charaktere zuweilen leicht verrückt oder zumindest ziemlich extrem vor ... bei merkwürdigen Anlässen schwermütig oder überdreht, abwechselnd barbarisch und hoch kultiviert ... interessant und gruselig zugleich. Ich glaube nicht, dass die Autoren dieser Bücher übertreiben ... Russen sind halt ein wenig anders als Mitteleuropäer – und vielleicht wundern sie sich über uns genauso wie wir über sie. Wer dieses Volk verstehen möchte, muss sich wahrscheinlich auf Gorki, Scholochow, Tolstoi, Gogol, Turgenjew, Tschechow oder eben Dostojewski einlassen ...
Asiatische Literatur kommt mir manchmal extrem subtil vor ... dagegen bin ich nur eine ungehobelte Barbarin. Diese faszinierende Welt aus Metaphern, Andeutungen und Symbolen kann einen harmlosen Europäer schon verblüffen. Und natürlich sind selbst die abgedroschensten Klischees für uns ungewohnt und faszinierend. Wer kommt schon ohne weiteres darauf, dass das viel strapazierte Spiel der Wolke und des Regens (‚Der Traum der roten Kammer‘) nur ein chinesisches Pendant der in der deutsche Trivialliteratur inflationär gebrauchten Floskel ‚Er drang kraftvoll in sie ein und bewegte sich heftig in ihr‘ ist ... Spanische und lateinamerikanische Autoren arbeiten viel stärker mit Symbolen und Metaphern als Mitteleuropäer. Aber, anders als bei uns, werden die Dramen von Federico García Lorca und die Lyrik von Pablo Neruda in den Heimatländern der Dichter problemlos vom einfachen Volk und sogar von Analphabeten verstanden, während sie unsereinem ausgesprochen abgehoben vorkommen. Mitteleuropäer, die versuchen, diesen verschwenderischen Stil nachzuahmen, greifen übrigens öfter mal gründlich daneben oder wirken unangenehm gekünstelt. Man merkt, dass sie nicht wirklich bildhaft denken und empfinden ...
Ich denke schon, dass es für einen angehenden Autor wichtig ist, sich auf fremdartige Konzepte einzulassen ... vor allem, wenn er SF und Fantasy schreiben möchte. Wie soll er mit Aliens oder Elben fertig werden, wenn er nicht einmal in der Lage ist, sich in einen japanischen Fischer oder einen chilenischen Putschisten hinein zu versetzen?
Fremde Literatur erweitert den Blickwinkel ... und bei all der Mühe, die sie unter Umständen bereiten kann, sollte man nie vergessen, dass der Autor nichts dafür kann, wenn Ausländer nicht auf Anhieb mit seinem Werk zurechtkommen. Solange ihn das eigene Volk versteht ...



5. Schwierige Themen

Es gibt Bücher, die man nicht leichtverdaulich schreiben kann. Wenn eine meiner Hauptpersonen ein berühmter Philosophieprofessor ist – um mal aus dem eigenen Nähkästchen zu plaudern – kann ich nicht umhin, ihm ab und zu ein paar Weisheiten in den Mund zu legen ... und die sollten dann auch nicht nach Stammtisch oder Wäscheplatz klingen. Zitate von Surak, Ennu oder Andal zu erfinden ist für mich harte Arbeit ... und ich bin jedes Mal sehr enttäuscht, wenn manche Leser das einfach überfliegen, weil sie nur an Action oder Sex interessiert sind. Aber gute Zitate machen so eine Figur noch lange nicht rund: Sie wirkt unglaubwürdig, wenn sie nicht wie ein typischer Intellektueller denkt, handelt und ihr Leben reflektiert. Ganz zwangsläufig steigt der Anteil an Tiefsinn in so einer Geschichte.
Auch Bücher über Krieg, Terror, politische Wirren, Konzentrationslager oder Völkermord können schon vom Inhalt her ziemlich schwer verdaulich sein. Wenn der Autor an der Wahrheitsfindung interessiert ist, lässt sich nicht vermeiden, dass er das eine oder andere politische oder soziale Problem näher beleuchten muss. Erfahrungsgemäß werden zwar desinteressierte Leser solche Passagen frustriert überblättern aber der Autor kann es leider nicht jeden recht machen ... nicht riskieren, dass die klugen und aufgeschlossenen Leute ihn für oberflächlich und verantwortungslos halten. Und mal ehrlich: Krieg als Jump-and-Run-Spiel muss wirklich nicht sein!
Aber auch in der SF-Literatur gibt es so manchen zähen, aber ausgesprochen gehaltvollen Brocken: die Spätwerke von Stanislaw Lem und A. & B. Strugatzki zum Beispiel, ‚Der verwundete Himmel' von Diane Duene oder ‚Singularität' von Charles Stross. Das sind hochinteressante Bücher ... aber ohne naturwissenschaftliche Grundkenntnisse kommt man sich leider beim Lesen wie das berühmte Schwein bei der Betrachtung eines Uhrwerks vor.
Auch historische Romane, Vatikanthriller oder Geschichten, die sich auf andere Geschichten – die Bibel oder die Ilias zum Beispiel – beziehen, können ohne Vorkenntnisse ziemlich unverständlich sein ... aber wer die Herausforderung annimmt und sich das notwendige Wissen aneignet, wird oft reich belohnt. Und es schadet ja nichts, über die Wurzeln unserer Kultur oder über moderne Kosmologie ein wenig Bescheid zu wissen ...



6. Die Geheimnisse der Sklavensprache

Manche Autoren empfinden sich als Lehrer oder moralische Instanz für ihr Volk. Sie werden von dem leidenschaftlichen Wunsch angetrieben, dafür zu sorgen, dass ihre Mitmenschen besser oder klüger werden. In offenen Gesellschaften wird so etwas manchmal zu Unrecht belächelt und viele Leser stürzen sich lieber mit Begeisterung auf weniger anspruchsvolle Unterhaltungslektüre. Das mag man beklagen ... aber wenn die Menschen satt und frei sind, haben sie einfach weniger Fragen.
Aber was passiert, wenn sie unzufrieden sind und ihre Freiheit durch Polizeiterror und Zensur geknebelt ist? Dann suchen sie verzweifelt Antwort ... nicht in den offiziellen Medien und nicht in den Reden der Politiker, sondern in Büchern, Filmen, Theaterstücken. Die Dichter werden zur wichtigsten moralischen Instanz ... wenn sie denn den Mut aufbringen, sich der Obrigkeit zu widersetzen und die unvermeidlichen Verfolgungen – unter Umständen sogar den Tod – auf sich zu nehmen. So wurden die spanischen Lyriker Federico García Lorca und Miguel Hernández unter der Francodiktatur zu Märtyrern ... ebenso wie der chilenische Liedermacher Victor Jara unter Pinochet. Ja, die Diktatoren hassen niemanden so sehr, wie Künstler, die sich ihrer Allmacht mutig in den Weg stellen!
Und die weniger tapferen Künstler? Die können sich anpassen, ins Exil gehen ... oder ihre Botschaften so geschickt zwischen den Zeilen verbergen, dass die Zensoren sie nicht bemerken. Ihre Leser entwickeln eine Art sechsten Sinn für verborgene Inhalte ... der manchmal sogar so weit geht, dass in völlig harmlose Zeilen allerlei hineingeheimnist wird ...
Solche Bücher lesen sich naturgemäß nicht immer leicht. Verwirrende Zeitsprünge, eine metaphorische Ausdrucksweise oder wilde Fantasien ermüden und verwirren den oberflächlichen Leser ... und der Dichter hofft darauf, dass manche Zensoren auch nur Dienst nach Vorschrift machen, lieber mehr Zeit für ihre Familie hätten und vor allem nicht über den hungrigen Forscherdrang ihrer Zielgruppe verfügen. Besonders ängstliche Autoren verschlüsseln ihre Botschaften so sehr, dass sie sogar einer juristischen Überprüfung standhalten würden. An diesem Punkt kapituliert ein Teil der gutwilligen Leser, sodass auch die Arbeit dieser Autoren irgendwann der völligen Sinnlosigkeit entgegen driftet.
Da ich auch nicht besonders tapfer bin und mit meinem Rudel frecher verwöhnter Katzen äußerst ungern ins Exil gehen würde, kann ich gut verstehen, was diese eingeschüchterten Künstler durchgemacht haben. Bürger eines freien Landes brauchen diese Art Literatur möglicherweise nicht unbedingt und nehmen sich deshalb selten die Zeit, hinter ihr Geheimnis zu schauen. Andererseits gehört dieses Phänomen zur Menschheitsgeschichte und schon aus historischem und psychologischem Interesse heraus kann es faszinierend sein, sich damit zu beschäftigen. Zumindest sollte man bei sehr schwer verdaulichen Büchern nach den Umständen, unter denen sie entstanden sind, fragen ... und den geknebelten Dichtern mildernde Umstände zubilligen.



7. Kunst um der Kunst willen

L´art pour l´art – Kunst als Selbstzweck ... welcher Künstler auch immer sich mit diesem Etikett identifiziert, sich mehr oder weniger vergeblich davon abgrenzt oder es von Kritikern aufgeklebt bekommt – ist möglicherweise so alt wie die Menschheit. Nur ein kleiner elitärer Kreis schafft und konsumiert diese Stilrichtung und hebt sich damit ganz bewusst gegen den Geschmack und das Lebensgefühl der Masse ab. Ein außen Stehender hat zumeist große Schwierigkeiten, sich diesen Kunstwerken zu nähern oder ihre Berechtigung anzuerkennen.
Ich kann verstehen, dass bodenständige Menschen keine elitäre Kunst mögen – und bevor jemand jetzt vornehm die Nase rümpft: Es ist unlogisch, von jemandem, den man selbst aus ganzem Herzen verachtet, Respekt zu fordern. Ein selbstbewusster Mensch vergilt Beleidigungen nicht mit unterwürfiger Anbetung ... und das ist gut so.
Allerdings würde ich nie so weit gehen, elitäre Künstler zu verdammen oder gar zu wünschen, dass es sie nicht gäbe. Zum einen sollte jeder nach seiner Fasson selig werden – da bin ich ganz Preußin – zum anderen sind es oft die Extremisten in der Kunst, die wichtige Neuerungen entdecken, die dann in gemäßigter Form dennoch die Masse erreichen.
Außerdem braucht wahrscheinlich jeder wahre Künstler ab und zu einen kleinen Höhenflug, einen Moment schöpferischer Einsamkeit, während dessen er keinen Gedanken an sein Publikum verschwendet ... einfach nur fliegt und fliegt. Daran ist nichts Schlechtes und wenn er sich danach wieder einkriegt, muss niemand beleidigt sein. Und vielleicht erlebt ihr irgendwann selbst, wie sich das anfühlt ...



Fazit:

Nicht alle so genannten schweren Bücher sind auf die gleiche Weise kompliziert und nicht alle verdienen es, dass man sie meidet. Ausländische Literatur dient der Verständigung zwischen den Völkern und manche Bücher mit schwierigem Inhalt können sehr nützlich für die eigene Entwicklung sein.
Sklavensprache und l´art pour l´art sind nicht jedermanns Sache ... dennoch sollte man beides nicht pauschal verurteilen. Kunst braucht Vielfalt und auch Extreme, um wachsen und gedeihen zu können. Man muss sich ja nicht auf alles einlassen ...

© 2005 by Anneliese Wipperling



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