Anneliese Wipperling
Und die Moral von der Geschicht ...
Da fällt mir gleich der nächste Vers von Wilhelm Busch ein „... bad zwei in einer Wanne nicht!“ Die meisten von uns erinnern sich vermutlich an die lustige Bildergeschichte „Das Bad am Samstagabend“, wo zwei Brüder gemeinsam in einen Holzzuber mit warmem Wasser gesteckt werden, damit sie am heiligen Sonntag wohl geschrubbt in die Kirche gehen können. Wer die Story kennt, weiß auch, in was für ein fürchterliches Desaster alles ausartete. Einfache griffige Binsenweisheiten am Ende ... Wilhelm Busch machte sich respektlos darüber lustig und auch wir grinsen liebend gern darüber. Warum eigentlich? Warum bereitet es uns das solche Genugtuung und Lust? Ist Moral lächerlich? Oder doch nicht?
1. Eine überholte Doktrin?
In der DDR war Literatur offiziell Teil des Klassenkampfes. Ein Roman, eine Geschichte oder ein Gedicht war dazu da, „unseren Menschen“ den Klassenstandpunkt und die richtigen proletarischen Werte zu vermitteln. Ja, das klingt gruselig und war es teilweise auch. Jedenfalls manche Bücher voller wehender roter Fahnen, stolz geschwellter Arbeiterbrüste und bitterböser Kapitalisten. Nicht, dass sie vollkommen unwahr waren. Natürlich ist Ausbeutung grundsätzlich schlecht, gibt es ehrlichen Stolz auf gute Arbeit und ist der real existierende Kapitalismus kein bisschen anständiger als es der real existierende Sozialismus war. Aber jede platte von oben verordnete Moral stößt zwangsläufig auf Widerstand und ganz so einfach, wie es uns die billige Propagandaliteratur weismachen wollte, sind moralische Fragen nicht zu beantworten.
Zum Glück waren viele Autoren zu intelligent, zu kreativ und zu ehrlich, um sich der Doktrin blind zu unterwerfen. Sie stellten mehr oder weniger vorsichtig Fragen, wandelten mit schlafwandlerischer Sicherheit auf dem schmalen Grat zwischen Repression auf der einen und künstlerischer Bedeutungslosigkeit auf der anderen Seite. Nein, sie sträubten sich nicht prinzipiell gegen jeden moralischen Anspruch an ihre Texte. Aber sie bemühten sich ernsthaft um realistische Grautöne, mehr Menschlichkeit und eine weniger dogmatische Sicht auf ethische Fragen. Sie standen tapfer zu ihrer Pflicht, die Leser aufzuklären und zum Nachdenken anzuregen.
Möglicherweise meinten es sogar einige aus meiner Sicht ziemlich blauäugige und engstirnige Agitatoren ehrlich. Es kann schwierig sein, die eigenen Scheuklappen zu bemerken und dann gibt es ja noch das gerade bei uns Deutschen so verhängnisvolle Streben nach dem reinen Ideal. In unserem Falle dem selbstlosen revolutionären Helden, dem nimmermüden Aktivisten, dem Parteifunktionär ohne Unterleib. Kunstfiguren lassen sich zu allem Möglichen abrichten. Sie können sich nirgendwo beschweren und wenn sie streiken, werden sie unauffällig durch Streikbrecher aus Pappe ersetzt.
Wie dem auch sei. Eine Geschichte ohne jede Moral und ohne erzieherischen Anspruch wäre damals undenkbar gewesen.
Insofern hat mich die westliche Spaßkultur nach der Wende kalt erwischt. Ich blätterte im Lesebuch meiner Tochter und grübelte: „Warum haben die eigentlich Geschichte XY abgedruckt? Die ergibt doch keinerlei Sinn. Dass Comics und Heftromane ziemlich unergiebig sind, ist ja noch verständlich. Aber Texte im Lesebuch?“
Eine Freundin aus Berlin Steglitz erklärte mir genüsslich, dass in der westlichen Moderne kein Platz mehr für gegenständliche Darstellung wäre. Und auch nicht für Schönheit. Dass die Ästhetik des Hässlichen viel interessanter wäre als all das ausgelutschte Zeug aus der Vorzeit. Ich kam mir bestohlen und unsäglich altmodisch vor. Es tat richtig weh.
2. Feindbild Gutmensch
Auch das war ein kleiner Kulturschock für mich: die Häme und der kaum verhüllte Hass gegenüber Menschen, die moralische Prinzipien für wichtig halten und das womöglich öffentlich kundtun. Sicher, in einigen Fällen mag Scheinheiligkeit im Spiel sein, Dominanzstreben oder hemmungslose Eitelkeit ... aber bestimmt nicht immer. Der Ehrliche ist der Dumme, hat Ulrich Wickert eins seiner Bücher genannt und den Verlust wichtiger Werte in unserem Land heftig beklagt. Andere sprechen vom notwendigen aber bisher nicht gelungenen Wertewandel. Wie dringend er nötig wäre, um die Probleme der Umwelt und der Globalisierung zu meistern. Recht haben diese Zeitgenossen! Die Vergeudung von Ressourcen und die Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlage können wirklich nicht so weitergehen ... nur will das zurzeit niemand hören.
Meine Mutter pflegte immer zu sagen: „Wenn dich jemand hasst, so frage dich, was er dir angetan hat.“ Das fand ich ziemlich paradox aber irgendwann gab ich ihr schweren Herzens recht. Die meisten Menschen fällt es besonders schwer, ihren Opfern zu verzeihen. Sie sind nämlich der Beweis für die eigene Bösartigkeit. Und die ist den Klatschbasen, Betrügern und was es sonst noch an kleinen Sündern gibt ziemlich peinlich, was aus meiner Sicht sogar für die Menschen spricht. Offenbar fällt es der Mehrheit schwer, mit sich selbst und der eigenen Schlechtigkeit in Einklang zu leben. Das schaffen nur echte Soziopathen. So genannte Gutmenschen sind zum Abschuss freigegeben, damit moralische Versager sich besser fühlen können. Bücher mit klarer moralischer Aussage ebenfalls. Oder gibt es da noch andere Facetten?
3. Der verhasste Zeigefinger
In der Kindheit ist er allgegenwärtig: „Sei nicht so frech! Mach dich nicht dreckig! Sitz endlich still! Iss brav deinen Teller leer! Mach endlich deine Hausaufgaben! Hock nicht so lange hinter dem Computer! Lies lieber ein gutes Buch! Pfui, spiel nicht an dir herum!“
Die Liste der Gebote und Verbote lässt sich beliebig fortsetzen. Ein Kind, das sich alldem widerspruchslos fügt, ist irgendwann kein Kind mehr sondern nur noch eine kleine blanke gut geölte Maschine. Wer ein selbstständiger Mensch – eine erwachsene Persönlichkeit – werden will, muss früher oder später anfangen, sich zu dem widersetzen.
Obwohl die Vorschriften von Eltern, Lehrern und sonstigen Autoritäten oft gut gemeint sind und nur manchmal ausschließlich der Bequemlichkeit der Erwachsenen dienen, hinterlassen sie Schatten in unseren Seelen ... imaginäre Gitterstäbe, die uns wie nervöse Pferde aus dem Konzept bringen und wild um uns schlagen lassen. „Nein, lasst uns mit diesem Labersülz in Ruhe! Wir wollen kein moralinsaures Geschwafel sondern wilde Action, romantische oder heiße Liebe, Mord, Totschlag, Folter ... eben Abenteuer bis zum Abwinken. Und bevor ihr uns jetzt runtermacht, weil wir nur unseren Spaß wollen: Niemand von uns hat bisher jemanden beklaut oder abgemurkst. Also haltet die Klappe und lasst uns endlich in Ruhe unsere Ballerspiele zelebrieren!“
Autsch! Die Geschichte ist offenbar so verfahren, dass alle weiteren Diskussionen sinnlos sind. Auch wenn ich keine Anhängerin der reinen Spaßgesellschaft bin, kann ich den Widerstand der – vor allem jungen – Leser gegen überbordendes Moralisieren problemlos nachvollziehen. Ich gestehe, dass ich den erhobenen Zeigefinger ebenfalls hasse ... ganz gleich, ob er mir von lieben Freunden, besorgten Verwandten, den Medien oder eben übereifrigen Literaten unter die Nase gehalten wird. Unterweisung von oben herab schafft eine deutliche Rangordnung ... und damit müssen wir uns schon im Berufsleben oder beim Kampf mit den Ämtern genug herumschlagen.
Allerdings kann die Friedfertigkeit der Mehrheit der Ballerfreunde nicht wirklich beruhigen. Immerhin nimmt die Kriminalität unter Jugendlichen zu. Keilereien auf dem Schulhof werden mit dem Handy aufgenommen und stolz ins Web gestellt. Amokläufer metzeln Lehrer und Mitschüler. Ob die das auch gemacht hätten, wenn sie weniger moralfreie Zeichentrickfilme und brutale Rollenspiele konsumiert hätten? Kann man sich an das Böse gewöhnen und es irgendwann für völlig normal halten?
Vieles deutet darauf hin. Und wer damit Geld verdient, macht sich mitschuldig. Auch wenn es zurzeit überhaupt nicht schick ist ... es ist dringend notwendig dem allgemeinen Trend zur moralischen Verwahrlosung zu trotzen. Oder ist es dafür bereits zu spät?
Und was bedeutet das für einen Autor? Braucht der dann keine Werte mehr, weil sowieso niemand auf ihn hört? Ist Schreiben ein Geschäft wie jedes andere dem Sendungsbewusstsein eher abträglich ist? Darf der Schriftsteller sich zum Mob gesellen und ebenfalls auf den so genannten „Gutmenschen“ herumhacken? Sie verachten, weil sie entweder Trottel oder Heuchler sind. Darf er auf den Schrei „her mit den blutrünstigen Schinken!“ hören?
Oder soll er auf verlorenem Posten ausharren und seine Leser auf Teufel komm raus langweilen? Sie bis oben hin mit moralischen Traktaten vollstopfen? Soll er sie belügen und das Böse vor ihnen verstecken? Ihnen eine heile Welt vorgaukeln? Er kann all das versuchen. Aber niemand würde diese Bücher kaufen oder auch nur freiwillig lesen. Sie wären wirkungslos, weil der erhobene Zeigefinger heutzutage ein schlechtes Argument ist. Und weil die meisten Menschen glücklicherweise nicht mehr so demütig sind, jede „Moral von der Geschicht“ gehorsam zu schlucken.
4. Ein archaisches Konzept
Unterweisung ist nur eine Möglichkeit des Lernens ... und nicht einmal die effektivste. Besser ist es, den richtigen Weg zu zeigen ... ihn vorzuleben. Wenn bei Eltern, Lehrern oder Politikern Wort und Tat im Einklang sind, wenn sie uns eine anspruchsvolle Ethik und wahre Solidarität vorleben, sind gar nicht mehr so viele Worte nötig.
Manche Naturvölker kennen gar kein Wort für „Erziehen“. Sie sagen, dass sie mit einem Kind leben und das erklärt aus ihrer Sicht alles. Das Kind erfährt seine Eltern und ältere Geschwister als integre Personen, die sich redlich bemühen, Nahrung heranzuschaffen, Beute oder Feldfrüchte mit ihren Stammesbrüdern zu teilen und ihre Hütten oder Zelte zu beschützen. Sie lernen Verlässlichkeit und Fürsorglichkeit am praktischen Beispiel schätzen. Das Leben in der Urgemeinschaft ist so hart, dass selbstsüchtiges Verhalten nicht dauerhaft toleriert werden kann. Wer sich gegen die Gemeinschaft stellt, wird verstoßen.
Sicher eignen sich archaische Völker mit ihren harten Gesetzen, ihrem Aberglauben und den gnadenlosen Tabus nur bedingt als Vorbild für eine moderne Industriegesellschaft. Heute sind andere Eigenschaften für das Überleben wichtig. Wir sind halt keine Büffeljäger und Krieger mehr. Wissen, Kreativität und geistiger Mut sind inzwischen wichtiger als Kraft, Härte und Schnelligkeit. Aber ein Prinzip ist noch genauso wirksam wie in grauer Vorzeit: Nicht über Moral und Solidarität quatschen, sondern sie einfach leben. Dann klappt es auch mit der Jugend. Wenn „die da oben“ aufhören, alle sittlichen Prinzipien mit Füßen zu treten, kann man auch vom einfachen Volk wieder preußische Tugenden verlangen.
5. Das Böse verstecken?
Die bekannte Kinderbuchautorin Cornelia Funke sagt, dass es gemein wäre, Kinder zu belügen und ihnen eine heile Welt vorzuspielen, die es so gar nicht gäbe. In der Tat findet man in ihren Büchern auch eindrucksvolle Schurken, erbärmliche Feiglinge und höchst zwiespältige Verhaltensweisen bei Durchschnittsmenschen. Sie verzichtet im Großen und Ganzen auf moralisierende Kommentare zu ihren Charakteren. Trotzdem brauchen Eltern nicht zu befürchten, dass ihre Kinder durch allzu realistische Szenen verdorben werden. Woran liegt das? Vor allem daran, dass das Böse nie zur Nachahmung verlockt. Der üble Räuberhauptmann mag zwar auf seine Spießgesellen charismatisch wirken, aber seine anständigen Gegenspieler sind einfallsreicher, mutiger und witziger als er. Sie stehlen dem aufgeblasenen Schurken locker die Show. Und sie sind keine moralinsauren Langweiler oder gar Übermenschen. Sie dürfen auch manchmal schwach sein, sich irren ... sogar richtig dicke Fehler machen. Der Leser kann sich gut mit ihnen identifizieren.
In Büchern für Erwachsene tummeln sich oft noch viel monströsere Ungeheuer: Psychopathen, Serienmörder, Sklavenhalter, Folterknechte. Übertreiben die Autoren da nicht ein wenig? Leider nein. Die Hitlers und Pol Pots lassen jede erdachte Figur blass aussehen. Und auch die im Vergleich dazu eher „kleinen Fische“ aus Büchern über wahre Kriminalfälle fand ich oft gruseliger als die meisten Kunstfiguren.
Das real vorhandene Böse verschwindet leider nicht, wenn man es versteckt. Es ist besser, man schaut es sich in Sachbüchern, Romanen und Filmen genauer an, damit man es im Alltag rechtzeitig erkennen kann. Vorausgesetzt, diese Werke berücksichtigen die bisherigen Erkenntnisse der Psychologie und sind nicht einfach nur sinnlos zusammengeschustert.
Ich glaube nicht, dass es jemandem schadet, wenn ihm in einem Kunstwerk ein besonders monströser Bösewicht präsentiert wird. Vorausgesetzt, er wird realistisch dargestellt und der Autor macht sich nicht mit ihm gemein. Es ist wichtig, dass ein wenig gefestigter Leser nicht dazu verführt wird, den moralischen Krüppel besonders cool zu finden und ihm nachzueifern. Gänzlich verhindern lässt sich die Faszination des Bösen allerdings nicht. Ein sadistisch veranlagter Leser wird sich zielstrebig jene Passagen, die ihn erregen, heraussuchen und den sorgfältig komponierten Rest überblättern. Selbst wenn es überhaupt keine Bücher oder Filme mit garstigen Passagen gäbe, würde er Mittel und Wege finden, seine perversen Bedürfnisse zu befriedigen. Nein, was jemand tut, wenn er mit einem Buch oder Film allein ist, lässt sich nicht kontrollieren. Selbst eine hoch moralische Serie wie Star Trek hat Fans, die statt der braven Helden der Föderation irgendwelche fiesen Imperialisten und ihre angeblich so schlauen und professionellen Geheimdienste anbeten. Da ist sie wieder, die absurde Feindseligkeit gegenüber den „Gutmenschen“.
6. Schluss mit der Ballerei?
Ein Freund von uns bezeichnet sich selbst als Pazifist und lehnt Raumschlachten und sonstige Gemetzel kategorisch ab. Das ist sicher eine ehrenwerte Einstellung ... aber muss er dann unbedingt Star Trek – Geschichten schreiben? Und sich über jeden aufregen, der sich für die Konfrontation mit diversen bösartigen Imperien interessiert? Die „Bibel“ der Serie bietet Raum für beides: Für interessante Forschungsmissionen und den Kampf für die Werte der Föderation. Beides hat seine Berechtigung.
Niemand möge mich falsch verstehen. Ich hasse jeden Krieg, weil er eigentlich nur staatlich sanktioniertes Morden ist. Und weil jene, um deren wahre Interessen es geht, zumeist gemütlich in ihren sicheren Bunkern sitzen und sich einen Dreck um die sterbenden Soldaten und Zivilisten da draußen scheren. Wer Pinochet unterstützt hat, darf sich eigentlich über mangelnde Demokratie im Irak nicht aufregen. Wenn es dort kein Öl gäbe, könnte man den Westen auch abschotten und es den Irakern selbst überlassen, für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte zu kämpfen. Irgendwann werden sie es schon schaffen.
Andererseits kann man auch nicht einfach zusehen, wie ganze Bevölkerungsgruppen abgeschlachtet werden. War es richtig, dass Vietnam eingegriffen und Pol Pot zum Teufel gejagt hat? Ich erinnere mich, mit meinem damaligen Freund ganze Nächte durchdiskutiert zu haben. Am Ende konnten wir nur kapitulieren: Wir hatten beide recht. Es sprach ebenso viel für wie gegen den Eingriff von außen. Ich denke heute noch, dass die wenigen übriggebliebenen kambodschanischen Intellektuellen dankbar waren, als es endlich vorbei war. Manchmal ist es gut, abzuwarten und manchmal ist es einfach nur unmoralisch.
Das Beispiel Kambodscha zeigt, dass nicht einmal die Unterscheidung in Verteidigungs- oder Angriffskrieg für eine moralische Bewertung der Kampfhandlungen taugt. Letztendlich muss jeder Einzelfall gesondert bewertet werden.
Die Entscheidung, prinzipiell nicht zu kämpfen, können Einzelpersonen nur für sich selbst treffen und gegebenenfalls ihr eigenes Leben in die Wagschale werfen. Aber was wird bei einem Angriff auf das eigene Land aus den wehrlosen Zivilisten, wenn alle Soldaten zu Hause bleiben? Ist es moralisch vertretbar, die eigenen sauberen Hände für wichtiger zu halten und die Leute einfach ihrem Schicksal zu überlassen? Fragen über Fragen ... und nirgendwo ist eine einfache Antwort in Sicht.
Die Menschen mussten von Anfang an um Gerechtigkeit und Freiheit kämpfen. Es ist ja nicht so, dass Patriarchen, Fürsten oder Imperialisten jemals ihre Macht und ihre Privilegien freiwillig aufgegeben hätten. Gut, zu Beginn der Französischen Revolution gab es ein paar idealistische oder auch nur feige adelige Spinner, die „nieder mit der Monarchie“ riefen. Aber das hat sie am Ende nicht vor der Guillotine gerettet. Sie starben zusammen mit den Dienstmädchen und Huren, die sich wieder nach geordneten Verhältnissen sehnten und „es lebe der König!“ schrien.
Ohne selbstlose Vorkämpfer gibt es weder Freiheit noch soziale Gerechtigkeit. Deshalb sind die Menschen auch immer wieder fasziniert von Heldengeschichten. Aus meiner Sicht heißt es deshalb für den Autor oft nicht „Ballern oder nicht“, sondern „wer ballert warum? Wer hat warum recht? Und wie gehen die Protagonisten damit um?“
Wenn mir jemand über ein Universum voller Konflikte Eiapopeiageschichten erzählt, bin ich verärgert. Und wenn mir derjenige auch noch einreden will, dass es sich dabei um ein Paradies aus rosa Zuckerwatte handeln würde, werde ich erst recht wütend. Also Freunde, lasst es ruhig krachen, wo es nicht anders geht. Ob etwas Mainstream ist oder nicht, entscheidet sich sowieso nicht am Geballer sondern an ganz anderen Kriterien. Aber es würde zu weit führen, das jetzt zu behandeln. Und eigentlich interessiert es mich wenig, in welchen Strom ich gerade schwimme. Solange die Geschichte stimmig und realistisch ist ...
7. Wie im Märchen
Märchen sind oft ziemlich grausam und an Bösewichtern besteht auch kein Mangel. Es gibt nicht nur jede Menge garstige Riesen, Hexen, Zauberer und Drachen, sondern auch neidische Stiefmütter, arrogante Geschwister, skrupellose Könige und natürlich die allseits beliebten Diebe, Räuber und Profikiller. Ja sicher, andere Kindergeschichten sind sehr sanft, handeln von süßen Häschen und Entlein, niemandem wird wehgetan. Und es gibt Tierfabeln, die wie der berühmte Nürnberger Trichter Weisheiten in Kinderhirne stopfen sollen und eine reine Inkarnation des berühmten mahnend erhobenen Zeigefingers sind. Ich gestehe, dass mir die abenteuerlichen Geschichten von Anfang an lieber waren.
Geschadet haben sie mir nicht. Na gut, ich bin ab und zu wegen schlimmer Träume ins Bett meiner Eltern gekrochen. Aber da ging es eher um brennende Lokomotiven in Nachbars Garten und Vulkanausbrüche unter meinem Bett. Später, als ich wusste, was ein Atomkrieg ist, musste ich allein mit meinen Ängsten fertig werden. Da war ich schon zu groß, um weinend bei Mama Trost zu suchen.
Warum habe ich mich nicht vor den Monstern aus dem Märchen gefürchtet sondern eher vor mehr oder weniger realen Gefahren? Vermutlich deshalb, weil es praktisch kein Märchen gibt, in dem nicht am Ende das Gute siegt. Wenn ich abends vor dem Einschlafen die Geschichten des Tages noch einmal Revue passieren ließ, war mir der strahlende Drachentöter oder die tapfere Prinzessin näher als das Gewürm, über das sie gesiegt hatten.
Nicht nur Kinder lieben es, wenn ein Roman oder ein Film gut ausgeht. Auch wenn man noch so sehr mit den Helden fiebert, es ist gut sich darauf verlassen zu können, dass die schlimmsten aller möglichen Katastrophen am Ende doch nicht passieren werden. Das beruhigt und tröstet ungemein.
Bei Kindern – und nicht nur bei ihnen – hat das Happyend auch eine moralische Funktion. „Es lohnt sich nicht, böse zu sein. Das Gute ist so stark und hat so viele Helfer, dass es immer siegen wird. Merk dir das und gehe lieber den graden Weg.“ Es ist das uralte Konzept der Prärieindianer: Nicht diskutieren sondern am lebendigen Beispiel zeigen und erleben lassen. Das brennt sich tiefer in die Seele als jede noch so weise Belehrung! Ein Buch über einen Vergewaltiger oder Serienmörder kann nützlich für die Entwicklung der Persönlichkeit sein, wenn der Kerl am Ende kapieren muss, dass es so nicht weitergehen kann und/oder genau das bekommt, was er verdient. Wenn mindestens ein paar von den wichtigsten Guten überlebt haben und Heilung finden.
8. Alles nur irrelevanter Kitsch?
Ja, ich höre das Geschrei gewisser Fanatiker: „So ein Käse! Da wird die Welt nur schön geredet und in Wirklichkeit sind die größten Lumpen immer obenauf (auch ein Zitat von Wilhelm Busch). Wir brauchen die ganze fiese Wahrheit! Wir brauchen Gemetzel bis zum Abwinken, sympathische Mörder und verlogene Helden! Die Masken müssen endlich weg!“ Oh ja! Die legen sich richtig ins Zeug um „Natural Borne Killers“ zu rechtfertigen.
Ich bezweifle, dass die pessimistischen Geschichten näher an der Wahrheit sind, als jene, in denen das Gute siegt. Wenn die Menschheit so schlecht wäre, würde sie längst nicht mehr existieren. Mich stimmt optimistisch, dass sich in ausweglosen Situationen bisher immer selbstlose Helden und Erneuerer gefunden haben, die die Karre wieder aus dem Dreck gezogen haben. Ja, es hat manchmal sehr lange gedauert und es war verdammt schwer. Aber die Hitlers und Pol Pots wurden unter großen Opfern entmachtet. Die Serienkiller wandern irgendwann ins Gefängnis und auch unsere selbstgerechten Eliten werden begreifen müssen, dass es ohne Solidarität nicht geht und man Geld nicht essen kann.
Wenn der Autor zeigt, wie mühselig der Kampf gegen das Böse ist, wie es immer wieder nachwächst, dass der Dreck wie in einem ordentlichen Haushalt regelmäßig weggeputzt werden muss, dann schreibt er keinen Kitsch sondern die Wahrheit. Er ermutigt seine Leser, niemals aufzugeben. Das ist das Wichtigste. Und wenn er das spannend und unterhaltsam herüberbringt – und den berüchtigten Zeigefinger stecken lässt – wird er bei vielen Menschen eine große Wirkung erzielen. Wenn sein Buch gar so viele Facetten hat, dass es schlichte Kanalarbeiter und hochgebildete Professoren gern lesen ...
Was wäre die Alternative? Eine pessimistische Story, die dem unglücklichen Leser jene Widerstandskraft aussaugt, die er doch so nötig braucht, um trotz aller Anfechtungen eine integre Persönlichkeit zu bleiben. Der Autor ist seinen hässlichen Seelenmüll für eine Weile los und protzt öffentlich mit seiner Ehrlichkeit herum, während sein bedauernswertes Opfer immer wütender und verzagter wird. Bis es irgendwann denkt, dass jeder Widerstand gegen das Böse zwecklos ist und sich in den irren und leichtfertigen Tanz auf dem Vulkan einreiht. Ich glaube nicht, dass man das verantworten kann.
Fazit:
Auch wenn es zurzeit nicht schick ist: Wer Bücher schreibt oder auf andere Weise Geschichten erzählt, darf die Wirkung auf den Leser nicht außer acht lassen, sonst macht er sich eventuell schuldig.
Der erhobene Zeigefinger und langatmige Diskussionen über ethische Probleme sind jedoch fehl am Platz. Ebenso perfekte Welten, in denen das Böse gar nicht vorkommt.
Es ist wichtig, die Guten mit soviel Kraft, Mut, Kreativität und Witz auszustatten, dass ihr Sieg über die Schurken glaubhaft wirkt und die Leser sie mögen. Aber sie dürfen es auch nicht zu leicht schaffen. Sonst wird am Ende doch noch Kitsch draus.
© 2007 by Anneliese Wipperling
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