Anneliese Wipperling

Von Schreibblockaden und Höhenflügen



Du willst Dichter werden ... oder Romane schreiben? Stell dir das nicht so einfach vor! Zumindest, wenn du nicht nur dich selbst, sondern auch deine Leser bereichern und glücklich machen willst. Ein kreatives Leben hat seine eigenen Gesetze und Fallstricke, Freuden und Leiden, Höhenflüge und Niederungen ...



1. Dein Baby braucht Hilfe

Du wirst oft im Dunkeln umhertappen, durch gefährliche Sümpfe und staubige Wüsten irren und froh sein, wenn du einen verwitterten Wegweiser findest oder eine hilfreiche Hand dich vor dem Untergang rettet. Sei nicht so unlogisch, diese Hilfe zurückzuweisen! Selbst wenn der Andere auch nicht perfekt schreibt, so kann es doch sein, dass er ein spezielles Problem besser als du beherrscht. Versuche, ihm aufmerksam zuzuhören und deine Vorurteile und Eitelkeiten zu verstoßen. Auch wenn du von deinem eben geborenen Werk völlig überwältigt bist, könnte es doch sein, dass dein Baby noch ein wenig aufgepäppelt werden muss oder eine besondere Medizin braucht. Es wäre doch schön, wenn das kleine, kreischende Geschöpf in deinem Arm irgendwann zu einem starken und selbstbewussten Erwachsenen heranwachsen würde ... jemandem, der andere bereichert ... oder?
Gestatte mir also, von meinen eigenen Schwierigkeiten zu erzählen. Vielleicht hilft dir das eine oder andere ein wenig weiter ...
Zuweilen fordert man von sich selbst mehr, als man zu jenem Zeitpunkt leisten kann. Man eilt wie in einem Wahrtraum der Zeit weit voraus und setzt sich bei Sachen unter Druck, die sich mit Sicherheit wenige Monate oder Jahre später von selbst lösen werden. Auch wenn die Illusion vom Bestseller oder einem angesehenen Literaturpreis noch so süß ist ... vergiss das Ganze so schnell wie möglich! Ein wenig Geduld und Nachsicht mit der eigenen Begrenztheit ist da bedeutend hilfreicher. Wissen, Erfahrungen und Fertigkeiten müssen erst erworben werden ... es gibt keinen Königsweg zur guten Geschichte oder zum makellosen Gedicht ... und vor allem nicht zum Erfolg. Der hat nämlich nur teilweise etwas mit Leistung zu tun. Glück und gute Beziehungen spielen eine mindestens ebenso große Rolle!



2. Nichts geht mehr

Mir passiert es manchmal, dass es mich für Stunden oder Tage völlig blockiert, wenn ich ein wirkliches Meisterwerk lese. Dann kommt mir alles, was ich selbst mache erbärmlich vor ... und ich muss mir wieder neu klarmachen, dass jeder Autor sich irgendwo auf einer Skala befindet, deren Nullpunkt das erste gesprochene oder gedachte Wort ist und deren anderes Ende irgendwo in der Unendlichkeit verschwimmt. Dann merke ich, dass der erreichte Standort gemessen an meiner geringen Erfahrung ganz akzeptabel ist.
Sehr häufig ist aber auch das entgegengesetzte Problem. Manchmal hat man sich irgendwo bequem eingerichtet, schreibt routiniert seine kleinen Gedichte oder Geschichten, benutzt dazu bewährte Strickmuster, wird sogar von den Lesern gelobt ... und es macht einen dennoch nicht mehr glücklich.
Die Seele eines künstlerisch begabten Lebewesens ist ein kompliziertes Ding. Es spürt unbewusst, wenn Stagnation eingetreten ist ... eine Stagnation, die einfach unerträglich ist und jede Freude an der schöpferischen Arbeit erstickt. Die Schreibblockade ist dann nur ein Symptom für ein größeres Problem: Ein Weg, der vielversprechend aussah, hat sich als Sackgasse erwiesen.
In dem Fall hilft nur ein radikaler Neuanfang ... und den kann man erst wagen, wenn man sich vorher die Zeit genommen hat, möglichst viele Optionen zu erforschen. Schreibblockaden pflegen bei mir drei bis fünf Jahre zu dauern. Ich bin dann jedes Mal dem gütigen Schicksal dankbar, dass ich nicht von meiner Kunst leben muss. Am Anfang haben sie mich extrem beunruhigt ... ich fürchtete jedes Mal, dass die Inspiration mich völlig verlassen hätte. Inzwischen weiß ich, dass nur ein Kurswechsel bevorsteht und dass mein Geist einfach Ruhe braucht, um zu wachsen, neue Kräfte zu sammeln und die Richtung zu bestimmen, in der er sich weiterentwickeln soll.



3. Verschiedene Arten Künstler

Die Romanautorin Lieselotte Welskopf-Henrich schreibt in „Nacht über der Prärie“, dass es zwei Sorten Künstler gibt. Künstler der ersten Art (Vollprofis) sind jederzeit in der Lage, innovative und wichtige Werke zu produzieren. Selbst unter Berufskünstlern gibt es nur sehr wenig davon. Dann gibt es noch die Künstler zweiter Art, die „groß antworten können, wenn das Leben sie groß anspricht“. Sie haben immer das Problem, in den Zwischenphasen mehr oder weniger belangloses Zeug zu produzieren. Künstler zweiter Art müssen sich entscheiden, ob sie einfach auf die nächste große Inspiration warten oder sich selbst die weniger gut gelungenen Werke verzeihen wollen.
Ich ziehe inzwischen vertrauensvoll die erste Variante vor, auch wenn mir in der Wartezeit die Euphorie beim Schreiben sehr fehlt. Ich habe verstanden, dass sie sich sowieso nicht einstellen wird, weil mich das, was ich in diesem Zwischenzustand zustande bringe, viel zu sehr ärgern würde ... und wie gesagt, ich kann mir diesen Luxus leisten, weil ich nicht davon leben muss.



4. Gott oder Staubkorn?

Ja, dieses verdammte Glück des Schreibens ... es ist so trügerisch und flüchtig: Eben fühlst du dich noch als Gott ... und im nächsten Augenblick denkst du, dass alles nur Mist ist. Aber die Euphorie ist so beeindruckend, dass man süchtig danach wird ... und die Qualen der Selbstzweifel einfach in Kauf nimmt ...
Am wichtigsten ist es, sich selbst zu finden und ganz ehrlich zu sein. Jede Figur und jede Metapher ist ein Stück Substanz, die man aus seiner Seele schneidet, um es seinen Lesern zu schenken. Es geht nicht anders, du musst bereit sein, einen Teil deines Selbst preiszugeben ... und es darf dir nichts ausmachen, wenn Fremde deine merkwürdigen Gaben misstrauisch beäugen, sie vielleicht abstoßend oder gar lächerlich finden.
Ich persönlich halte gar nichts von der Theorie, dass Schreiben zum überwiegenden Teil Handwerk ist ... und dass man es wie ein solches lernen kann. Viele der am Fließband produzierten Bestseller zeigen eigentlich nur, wie man es nicht machen darf. Auf die Dauer lohnt es sich nicht, dieses Zeug zu lesen, weil es ungefähr den Nährwert jener Marshmallows hat, die die Amerikaner merkwürdigerweise so gern essen. Man wird nicht klüger oder besser durch solche Lektüre, man wird nur von den wichtigen Dingen im Leben abgelenkt. Ich persönlich lese viel lieber ein Buch, das weniger glatt geschrieben ist, dafür aber Charakter und Gefühl herüberbringt.



5. Im Zwischenreich der Fanliteratur

Ein besonders merkwürdiges Biotop ist die so genannte Fanliteratur. Im Prinzip ist ja nichts dagegen einzuwenden, dass Leser oder Zuschauer von einem Kunstwerk so begeistert sind, dass sie ein Teil davon werden möchten. Es kommt mir zwar ein wenig unlogisch vor, aus einer geborgten Existenz Sinn zu ziehen, aber es steht mir nicht zu, die Lebensentwürfe von anderen Menschen zu beurteilen ...
Mich stört nur an den meisten dieser so genannten Fanzines, dass die Autoren sich einfach der Figuren, die andere geschaffen haben, bemächtigen und sie wie Pappaufsteller auf Rädern durch erfundene Situationen bewegen. Auf eine psychologische oder soziale Charakterisierung wird weit gehend verzichtet, der Leser weiß ja, wie der Luke Skywalker oder der Captain Picard so sind ... und selbst, wenn die Situation für den Charakter haarsträubend ungewohnt ist ... weshalb sich einen Kopf machen, wenn alles schon ein anderer fix und fertig erfunden hat? Es stimmt zwar, dass ein Teil der Leser nur den Namen ihres Lieblings in einem netten, pikanten oder heldenhaften Zusammenhang lesen möchte ... aber zum Glück sind nicht alle so leicht zufrieden zu stellen. Manche fragen sich doch irgendwann, warum viele dieser Werke so wenig lebendig wirken ...
Nach meinen Erfahrungen ist es extrem schwierig, einer Figur Leben einzuhauchen, die man nicht selbst erfunden hat ... sie ist Teil eines ganz anderen Lebewesens ... sie wird nur in Ausnahmefällen so funktionieren, wie etwas Eigenes.
Falls du Fanzineautor bist und die Euphorie wahren Schöpfertums schmerzlich vermisst, solltest du es einmal mit ganz persönlichen Geschichten versuchen. Zines in der üblichen Form können eigentlich nur ein Übergangsstadium sein. Wenn jemand daran festhält, obwohl er längst zu sehr viel mehr fähig wäre, wird er wahrscheinlich depressiv, weil ein kreativer, lebendiger Geist Stagnation so schwer ertragen kann.



6. Und sie wissen nicht, was sie tun ...

Mir ist aufgefallen, dass es in dieser eigenartigen Szene offenbar nicht üblich ist, seine Versuche bestimmten literarischen Genres zuzuordnen. Dabei ist eigentlich schon viel gewonnen, wenn man erstmal darüber nachdenkt, was man da überhaupt schreibt. Ist es ein Roman (mit Entwicklung einer oder mehrerer Hauptpersonen), eine Shortstory (mit klar herausgearbeiteter Pointe), eine Erzählung (mit Konflikten in einer gegebenen Situation ohne Entwicklung der Charaktere), eine Novelle (mit anspruchsvollem, klar definiertem Aufbau), ein Prosagedicht, eine Serie ... oder ... oder?
Selbst wenn jemand ein eigenes Genre erfindet, weil er mit den Vorhandenen nichts anfangen kann, muss er sich dafür Gesetze schaffen und sie auch befolgen. Das undisziplinierte Herumirren zwischen allen Möglichkeiten schafft mehr Probleme als Freiheiten. Es ist schon erstaunlich, wie klar alles vor einem liegt, wenn man ganz souverän entscheidet: Ich schreibe jetzt einen Entwicklungsroman!



Fazit:

Wenn du depressiv bist ... und auch nur eine winzige Möglichkeit besteht, dass deine Probleme mit einer Beeinträchtigung deiner Kreativität zusammenhängen, solltest du probeweise an den verschiedenen Fadenenden zupfen ... vielleicht öffnet sich eine Tür zu völlig neuen Möglichkeiten ... und es wird so spannend, dass du gar keine Gelegenheit mehr hast, traurig zu sein.



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