Ramona ScheererBerührung des FremdenDer Flug zu den Sternen erschien ihr glaubhafter, als man annehmen mochte. Bedacht auf die Distanz ihres Herzens zu den Dingen um sich herum, plante sie ihren eigenen Stil. Sie wollte ihn verwirklichen. Es war wichtig, daß sie die Dinge nicht aus den Augen verlor, daß ihr Mund nicht voreilig von all dem sprach, was ihr vorschwebte. Es war lausig zu wissen, daß die Alten ihr Steine in den Weg legen mochten. Doch aufgeben durfte sie nicht. Jetzt nicht, zu keiner Zeit. Sie mußte die Höhe bewahren, das war wichtig, und sie hielt ihren Blick nach oben gerichtet. Sie wollte nicht verlieren, was sie nun nach so mühsamer Suche gefunden hatte. Es war schwierig, all das zu fassen, was ihr innerhalb so kurzer Zeit gegeben worden war.
Stakka. De schaute auf den Weg vor sich. Er war steinig, und sie achtete darauf, nicht zu straucheln. Doch ihre Aufmerksamkeit galt nicht nur diesem Weg, den sie noch vor sich hatte. Unendlich viele Gedanken gingen ihr durch den Kopf, Gedanken, die geboren worden waren aus den Ereignissen der letzten Zeit. Ihr Blick wanderte hinauf zum Himmel, der jetzt nach dem Sonnenuntergang in ein tiefes Violett gehüllt war; nur der erste der zwei Monde, der bereits aufgegangen war, erhellte diese Dunkelheit. Unvermittelt glitt ein Lächeln über ihr schmales Gesicht. Wenn der zweite Mond aufzog, würde auch er da sein...
Stumm starrte sie auf ihre Hand. Sie wandte sich um und setzte ihren Weg fort. Es wurde Zeit,
der zweite Mond ließ nicht mehr lange auf sich warten. Und sie wollte dort sein, wenn er kam. Woher kam er überhaupt?
Aus diesem wundersamen Aufeinandertreffen erwuchs ein tiefes Gefühl der Vertrautheit für den anderen, eines der Zuneigung... eines der Liebe. Leise flüsterten ihre Gedanken seinen Namen. Sie sprach ihn nicht aus, aber sie wußte, daß er sie auch so verstand. Sie war überrascht gewesen, als sie feststellte, daß es Wesen gab, die sich nicht über die einfache Übertragung von Gedanken verständigten. Er hatte sie nicht verstehen können. Doch sie fand einen Weg, eine Verbindung zu ihm zu ermöglichen. Sein Volk nutzte die Lautsprache, eine Methode, die in ihrem Volk kaum noch verwendet wurde. Er würde nie alles verstehen, was sie ihm mitteilen wollte, und umgekehrt war es genauso, doch benötigte man in ihrem Fall kaum noch Worte. Die Barrieren, die ein Durchdringen in sein Inneres erschwerten, verhinderten es doch nicht ganz, und so hatten sie beide teil an den Bildern, an den Farben, dem Glanz, an allem, was sie füreinander erfüllte. Ihre Seelen begannen zu einer vollkommenen, erfüllten Einheit zu verschmelzen, und bald fanden sie heraus, daß dies trotz ihrer gegenseitigen Fremdartigkeit körperlich ebenso möglich war... * * *
Der zweite Mond war des Nachts schon längst nicht mehr am Himmel zu finden, und sie ging nun mit sehr viel mehr Sicherheit zu jenem Ort, an dem sie eine ganz wundervolle Art
des Glücks und der Liebe kennengelernt hatte. Sie wußte daheim um ihre Familie, um ihren Ehemann, wußte, daß sie ihn betrog. Doch sie bereute nicht einen Moment davon. Sie wußte,
daß diese Erfüllung mit diesem Mann von einer anderen Welt ein Geschenk der Götter war, und das würde sie nicht einfach aufgeben. Natürlich mußten sie einen anderen Weg finden, irgendwann. Sie konnten sich nicht ewig auf diese Art treffen ... Als sie sich ihrer wieder bewußt waren, hatte Stakka De den Abhang bereits hinter sich gebracht und Ken'Ko seine Arme um sie gelegt. Es war eine seltsame Ahnung, die sie in dieser Nacht beschlich, eine, die sie enger zusammenrücken ließ. Eine, die sie mehr Leidenschaft füreinander empfinden ließ als jemals zuvor. Denn es war die Ahnung der Einsamkeit.... * * *
Die Nacht war nahezu schwarz. Sie schaute zum Himmel, an dem auch der andere Mond kaum noch sichtbar war. Bald würde er völlig verschwunden sein, und mit seinem Glanz
verflüchtigte sich auch jener aus Stakka Des tiefen Augen. Die Monde, nun, sie würden irgendwann wiederkommen, doch kam es ihr vor, als müßten die Nächte nur schwärzer werden, immer schwärzer. So schwarz, wie es in ihrem Inneren aussah.
Sie wußte, daß er nicht mehr wiederkehren konnte. Er war wieder auf seiner Welt gefangen wie sie auf ihrer. So fühlte es sich für sie an.
Das Tor hatte sich geschlossen. Das Tor, das sie zusammengeführt, sie und ihre Welten miteinander verbunden hatte. Ein letztes Mal schaute Stakka De an die Stelle zurück, an der dieser so andere Mann aufgetaucht war. Ein letztes Mal gönnte sie sich ein Lächeln bei dem Gedanken an ihn. Sie hatten ihre Zeit gehabt, und diese war nun vorbei. Sie wandte sich um und kehrte zurück zu ihrer Familie, zu ihrem Ehemann. Bald würde es Nachwuchs geben, ein Grund, sich vorzubereiten. * * * Apo Ca musterte seine Frau, die still an ihrem Webstuhl arbeitete. Sie war eigentlich immer still, erinnerte er sich, doch hatte dies nahezu extreme Formen angenommen, seit sie wußte, daß sie ein Kind erwartete. Sie war eine freundliche, warmherzige Frau und darum bemüht, daß ein jeder es gut hatte. Diese Eigenarten brachte sie mit in die Ehe, als sie noch fast ein Kind gewesen war, und seitdem hatte sich das kaum geändert, obwohl einige Zeit ins Land gezogen war. Für ihn erwies sie sich als äußerst angenehme Person, als sehr beruhigend, was er sehr zu schätzen wußte. Umso mehr vermißte er nun diese Zuneigung von ihr, die er immer sehr genossen hatte.
Sie hatten nicht aus Liebe geheiratet, dies war hier nicht maßgebend gewesen, sondern einfach die Tatsache, daß sie nach Meinung ihrer Familien und der Priester gut zusammenpaßten. Eine zurückhaltende, in sich ruhende Frau, so fand man heraus, schien ideal für einen jungen Mann wie Apo Ca, der zielstrebig sein Leben gestalten wollte und manchmal auch einen leichten Hang zum Jähzorn offenbarte. Trotzdem war er nicht unbedingt jemand, der sich gern im
Mittelpunkt sah. Es lag ihm eher, mit der Kraft vieler Leute Dinge zu bewegen und in die richtige Richtung zu lenken. In Stakka De fand er eine Frau, die ihm half, neue Energie zu schöpfen.
Er stand auf und trat hinter seine Frau. In letzter Zeit hatte sie die telepathische Bindung zu ihm etwas gelöst, was ihn ein wenig beunruhigte. Sie würde ihm nicht mitteilen, warum, soweit kannte er sie. Sie war eine bessere Zuhörerin denn Erzählerin, und mit Sicherheit waren viele Geheimnisse bei ihr besser aufgehoben als bei den treuesten Freunden. Er blickte nun schweigend und ein wenig grübelnd auf sie hinunter. Auf ihrer Welt herrschte der Brauch, eine Ehe auch dann zu lösen, wenn das Paar keine Kinder bekam. Gedankenverloren starrte sie auf ihre Webarbeit. Und als sie Apo Cas Umarmung spürte, dachte sie daran, daß diese Erwartungen, die an die Eheleute gestellt wurden, sicher nicht völlig unwesentlich waren. Es herrschte ein Krieg mit dem Nachbarreich, in dem viele starben, und das Volk mußte weiterleben. Sie blickte schließlich in Apo Cas Augen und erinnerte sich daran, daß all diese Dinge auch ihr galten. Und so schenkte sie ihm ein Lächeln voller Wärme. Sie spürte, wie er sich zu entspannen begann. Er hatte sich um sie gesorgt. Sie konnte froh sein, daß die Götter ihr einen solchen Mann geschenkt hatten. Es war sicher nicht unmöglich, etwas von diesen wundervollen Erfahrungen mit Ken'Ko hinüberzunehmen in ihre Ehe mit Apo Ca. Vielleicht hatte sie den anderen Mann auch deshalb kennengelernt, um zu erfahren, daß es noch soviel mehr gab, das eine Beziehung unendlich bereichern konnte. © Copyright by Ramona Scheerer |